102 Siebentes Buch. Drittes Kapitel.
Herrschaften im Orient während des ersten Kreuzzuges waren die
größten Siege der romanischen Kirchenidee und des Papsttums
gewesen: in diesen Unternehmungen war die lang gepflegte Askese
aktiv geworden; in den Entbehrungen gewappneter Pilgerfahrt
hatten Hunderttausende die Vereinigung mönchischer Weltflucht
und laienhaften Heldendranges entdeckt. Und noch mehr als eine
Generation hindurch blühten die neubegründeten Staaten des
Orients. Hierher flutete ein unablässiger Auswandererstrom;
nicht um abendländische Herrschaft, um abendländische Kolonieen
fing es an sich zu handeln.
Indes, der Verfall alter Sitte und Treue, eine unerhörte
Verschwendungssucht, eine immer größere Uneinigkeit zwischen
den führenden Mächten zerstörten die rasch entfaltete Blüte der
lateinischen Herrschaften; schon unter Fulco von Anjou, dem
dritten Könige von Jerusalem, noch mehr unter der Regierung
seiner Witwe Melisende begann der Rückgang. Er fiel um so
mehr auf, als gleichzeitig der Islam wie Byzanz aus einer Zeit
tiefen Verfalles erwachten. Die griechische Macht begann seit
den dreißiger Jahren des 12. Jahrhunderts Ansprüche gegen
die lateinische Christenheit Syriens zu erheben; im Jahre 1137
machte sie Antiochia lehnsrührig. Im Osten der Kreuzzugs—
staaten aber begründete Imad-ed-Din Zenki, seit 1127 Statt—
halter Mosuls, die Macht dieses Sultanates von neuem; schon
1128 eroberte er Aleppo; um 1130 besaß er bereits starken
Einfluß bis nach Damaskus; 1136 schwärmten seine Scharen
durch das antiochenische Gebiet; 1137 schlug er den König von
Jerusalem; im Dezember 1144 eroberte er Edessa. Es war
die That, die seine Fortschritte krönte: nun erschien die volle
Vertreibung der Christen aus dem Orient möglich.
Während die islamitische Welt aufjauchzte, richteten die
Christen flehentliche Briefe ins Abendland, an den Papst. Der
Papst, des französischen Charakters des ersten Kreuzzuges ein—
gedenk, zudem eben damals die Hilfe des deutschen Königs
Konrad gegen Roger von Sizilien erhoffend, ersuchte darauf am
1. Dezember 1145 König Ludwig von Frankreich, seine Großen
und sein Volk um Hilfe. Seine Bitte fiel auf günstigen