Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

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Fünftes Buch. Erstes Kapitel. 
Doch war Karl nicht der Mann, kleinlichen Unmut zu 
hegen. Hatte der Papst die Abhängigkeit des Kaisertums von 
geistlicher Hand darthun wollen: eben indem er ihr geistlichen 
Charakter zusprach, benutzte Karl die neue Wüuͤrde zur Errichtung 
einer fränkischen Theokratie, zur vollen Übertragung der päpst⸗ 
lichen Autorität auf den Kreis der kaiserlichen Befugnisse. Nicht 
minder sicher und geduldig wußte er sich mit Byzanz abzu⸗ 
finden. In unendlich schleppenden, zufallreichen Verhandlungen 
und Kämpfen vermochte er schließlich doch die bettelstolzen Kaiser 
des Ostens, ihm den Titel des Basileus zuzugestehen; und mit 
der frohen Gewißheit, neben das östliche Kaisertum ein Im- 
perium occidentale gestellt zu haben, ist er ins Grab gesunken 
(28. Januar 814). 
Unendlich wichtig war diese universale Politik, wie Karl 
— Volk steht sie 
an Bedeutung der deutschen Politik Karls fast ebenbürtig zur 
Seite. Sehen wir davon ab, daß das Karlingische Kaisertum 
später ein Ottonisches, ein deutsches geworden ist. Was von 
den äußeren Formen des Imperiums auf unsere Nation über— 
ging, das ward seinem inneren Zusammenhang nach verändert: 
nur in ihrem Titel, ihren Insignien erinnern die deutschen 
Kaiser an die Imperatoren des Karlingischen Hauses. Viel mehr 
besagt es, daß die eigentliche Aufgabe des fränkischen Welt 
reiches, die innige Verschmelzung germanischen und christlich— 
antiken Wesens, in ihrer Durchführung gewährleistet werden 
konnte nur durch die Erneuerung des Kaisertums. Karl hat 
das wohl begriffen. Mit seltener Klarheit des Geistes hielt er 
sich in neutraler Höhe über Christentum, Antike und deutschem 
Volkstum; indem er die Vorzüge jedes dieser Elemente erkannte 
und betonte, indem er sie in sich gleichsam in Fleisch und Blut 
umsetzte, ward er Vorbild und Begründer der Kultur des 
Mittelalters und neuerer Zeiten. 
Nicht minder folgenreich, wenn auch von mehr vorüber— 
gehender Bedeutung war die Thatsache, daß Karl vom Stand— 
punkte königlicher und kaiserlicher Theokratie aus sich die Kirche 
zu Dienste zwang. Nun konnte er sich auch gegen die Sonder—⸗
	        
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