Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Entstehung, Blüte und Verfall des Karlingischen Weltreichs. 85 
gelüste des Laienadels wenden; seine damit unabhängig ge— 
wordene Stellung gestattete ihm weiter die Fürsorge für die 
mittleren und unteren, gerade damals bedrückten Klassen, sein 
Königtum ward dadurch zum erstenmal innerhalb unserer Ent— 
wicklung eine soziale Macht wie nur je eine Monarchie späterer 
Zeiten: er wußte die Nation sozial und wirtschaftlich zu be— 
herrschen, zu gliedern: erst so ward seine geniale Kunst zu 
herrschen der Entfaltung großer staatlicher Kräfte mächtig und 
sicher: eine ungeahnte politische Gewalt ward erreicht, eine seltene 
Harmonie der größten staatlichen Interessen zeitweilig gewonnen. 
Freilich machte sie nur Episode. Nicht völlig besiegte Karl 
die vorhandenen wirtschaftlichen und sozialen Schwierigkeiten, 
er hielt sie nur in ihrer Entwicklung auf: an ihnen ist der 
Karlingische Staat schließlich doch zu Grunde gegangen!. Nach 
Karls Tode aber drängten sich zunächst ganz andere Fragen in 
den Vordergrund. 
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Karls Nachfolger Ludwig war der jüngste und am wenigsten 
zum Herrscher geborene Sohn des Kaisers. Doch nahm seine 
Regierung wenigstens anfangs einen energischen Anlauf und 
warf sofort eine Frage auf, die allerdings dringend der Lösung 
bedurfte, die der Erbfolge an der Krone. 
Die Erbfolgeordnung der Merowinge war keine andere ge— 
wesen, als die des gemeinen Erbrechtes der Franken: gleiche 
Teilung unter alle gleich nahen Erben, doch Verwaltung des 
ganzen Erbgutes durch alle Erben, wenn irgend möglich, zu 
gesamter Hand. Das Karlingische Geschlecht hatte diese An— 
schauungen im wesentlichen beibehalten. Hatte trotzdem die 
Einheit des Reiches sich bisher wahren lassen, so war das nur 
durch glückliche Zufälle und gelegentliche Eingriffe in das Erb— 
recht ermöglicht worden. 
Jetzt erforderte aber die Idee des neuen Imperiums not—⸗ 
wendig die Nachfolge eines Herrschers. Zu gleichem Schlusse 
drängten die kirchlichen Interessen. Die Kirche, ein einziger 
1S. Genaueres unten: 5. Buch, 83. Kapitel, IV.
	        
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