Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Entstehung, Blüte und Verfall des Karlingischen Weltreichs. 37 
So übernahm der Klerus bald die Leitung der inneren 
Politik, während Ludwig selbst wohl nach außen hin das Recht 
alleiniger Beschlußfassung eifersüchtig wahrte, aber bei seiner 
Unentschiedenheit und Trägheit an allen gefährdeten Grenzen 
des Reiches, an der Elbmündung wie in der Bretagne, in der 
spanischen wie in der awarischen Mark erfolglos blieb. Und 
doch trug das Reich auch noch nach Karl dem Großen die 
Lebensrichtung auf immer weiteres Wachstum in sich, nach 
Nord und Nordosten als Vertreter christlicher Mission, nach 
Südosten im Widerstreit zu Byzanz, im Südwesten im Wider— 
streit zum Islam — im Gegensatz also zur asiatischen wie 
europäischen Weltmacht des Morgenlandes. 
Im Inneren ward namentlich der Abt Benedikt von Aniane 
der Ratgeber des Kaisers, ein leidenschaftlicher Gote aus dem 
heißen Aquitanien, dem Ludwig nahe der Achener Pfalz, in 
Kornelimünster, ein waldumschattetes Kloster erbaute. Unter 
seinem Antrieb wurde die Benediktinerregel in allen Abteien 
des Reiches namentlich in ihren Äußerlichkeiten von neuem 
durchgeführt, bis schließlich die mönchische Bewegung auch auf 
die Domkapitel übersprang. 
Doch begnügte der Klerus sich nicht mit der Leitung der 
Kirche nach seinem Behagen; er bemächtigte sich der Gesetz— 
gebung des Reiches. Das zeigten schon die Achener Kapitularien 
vom Jahre 819. Sie brachten zwar wesentliche Fortschritte 
auch auf dem Gebiete weltlichen Straf- und Prozeßrechtes, doch 
vor allem verkündeten sie die ersten großen Maßregeln zur Be— 
freiung der Reichskirche vom Staat: der Bestand des Kirchen— 
gutes wird gesetzlich gewährleistet, die freie kanonische Wahl 
der Bischöfe geboten, der Priesterstand ganz der Verfügungs— 
gewalt des Episkopats unterstellt. Auch formell verselbständigte 
sich der Klerus bereits im Gegensatz zum Staat; schon wagte 
der Kaiser nicht mehr, den Bischöfen zu befehlen; sie versprachen 
nur noch auf seine bescheidene Anregung die loyale Erfüllung 
staatlicher Pflichten. 
Ein Lustrum später bewegte sich die Politik des Kaisers, 
nach außen hin schwächlich und verachtet, im Innern völlig in 
geistlichem Fahrwasser. Schon im Jahre 825 war es so weit
	        
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