Fünftes Buch. Erstes Kapitel.
lingische Reichsverband, der formell noch immer bestand, that⸗
sächlich schon gänzlich in Frage gestellt. Auch der Form nach
gelost ward er durch das Verhältnis des Ost- und Westreichs
zur Kaiserwürde.
Auf Lothar J. war als Kaiser sein ältester Sohn Ludwig II.,
König von Italien, gefolgt: schon ward der kaiserliche Name
zum Titel eines vom Papste abhängigen Landesfürsten, so uni—
versal auch Ludwig dachte und so würdig er die Krone ge—
tragen hat. Ludwig starb im Jahre 875. Nun ergab sich für
Karl den Kahlen von Frankreich und Ludwig den Deutschen
derselbe Wettbewerb hinsichtlich der Kaiserkrone, der schon in
Lothringen zum ewigen Zwist der Brüder geführt hatte. Auch
hier kam der rasche, unwahre Karl seinem festeren, aber lang⸗
sameren Bruder zuvor; nachdem Ludwig der Deutsche im
Jahre 876 gestorben war, hat er unbehelligt bis zu seinem
Tode den kaiserlichen Titel geführt.
Dem Aussterben der Söhne Ludwigs des Frommen folgten
im West- wie im Ostreiche wüste Zeiten innerer Wirren wie
äußerer Angriffe durch Slawen, Normannen und Sarazenen.
Am glimpflichsten gestaltete sich noch das Los Ostfrankens;
denn von den drei Söhnen Ludwigs des Deutschen waren Karl—
mann und Ludwig treffliche Herrscher. Aber ein furchtbares
Geschick, ererbt von der epileptischen Mutter, verfolgte sie wie
ihren von Jugend auf epileptischen Bruder Karl; sie wurden
von einem Gehirnleiden ergriffen, und in der Blüte der Jahre
starb Karlmann 880, Ludwig 882. Damit fiel Ostfranken an
den ewig von Kopfschmerzen geplagten Karl III., und das Un—
glück wollte, daß dieser dritte Karl, von Papst Johann VIII.
aus Verlegenheit zum Kaiser gekrönt, von den westfränkischen
Großen aus Mangel erwachsener Sprossen des westlichen
Hauses zum König auch des Westens berufen, noch einmal vier
lange Jahre (8842887) das Gesamtreich seines Urgroßvaters
nmit zitternder Hand regierte. Die Universalherrschaft des
kaiserlichen Epileptikers war gleichwohl nicht ohne Bedeutung.
Mit Karl wurde zum erstenmal ein Ostfranke Kaiser. Und
dies Ergebnis ging auf den Nachfolger über.
Als Karl halh geistumnachtet die Zügel der Herrschaft zu