Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Entstehung, Blüte und Verfall des Karlingischen Weltreichs. 45 
verlieren begann, ergriff sie gewaltsam Arnulf von Kärnten, 
ein unehelicher Sohn Karlmanns. Es geschah mit Wissen und 
Willen der ostfränkischen Großen; im Jahre 887 haben sie ihn 
in Frankfurt zum König gewählt. 
Dieser Vorgang bedeutete zunächst ein Verlassen der bis— 
herigen legitimistischen Grundsätze der Karlinge; und sofort er⸗ 
hoben sich auch anderwärts halb oder ganz usurpatorische Reiche, 
in Westfrankreich, Hochburgund, Italien. Indes auch diese Ent— 
wicklungsphase zerstörte noch nicht endgültig den Karlingischen 
Reichsverband. 
Durchschlagend ward erst die Kaiserkrönung Arnulfs. Er 
erreichte sie nach vergeblichen Versuchen endlich im Jahre 896. 
Es war der letzte Erfolg des bisher wunderbar thatkräftigen 
Mannes; aber bald drückte die Kaiserkrone ein müdes Haupt; 
auch ihn ergriff die entsetzliche Erbkrankheit der deutschen 
Karlinge. 
Im selben Augenblick gelang es in Westfranken einem 
echten Karlingischen Sproß, Karl dem Einfältigen, gegenüber 
dem einheimischen Magnatenkönige Odo Fuß zu fassen. Sollte 
er nun nach altem Reichsrecht sein errungenes Königreich als 
Teilstaat des Universalreiches dem Kaiserscepter Arnulfs, des 
halbtoten Karlingerbastards, unterwerfen? Karl weigerte die 
Lehensabhängigkeit vom Kaisertume Arnulfs; endgültig ward 
die Verfassung des Karlingischen Weltreiches zerbrochen. 
Damit war auch das ostfränkische, deutsche Reich aus der 
Verbindung entlassen, der es bisher reiche staatsrechtliche An— 
regung, zur Verschmelzung vornehmlich seiner verschiedenen 
Stämme, verdankte, und die Frage trat auf, ob es allein den 
Weg der Einheit und Groͤße finden, ob es dem Zuge der all⸗ 
gemeinen abendländis chen Kultur erhalten bleiben werde? Ward 
die Frage von der Geschichte der folgenden Jahrhunderte be— 
jahend beantwortet, so trugen dazu die Nachwirkungen der 
Karlingischen Staatsverfassung vielleicht weniger bei, als die 
glänzenden Erfolge, welche die neue Geisteskultur des Kar— 
lingischen Zeitalters noch durch das ganze 9. Jahrhundert, ja bis 
tief in das 10. Jahrhundert hinein nachhaltend gezeitigt hat.
	        
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