Zweites Kapitel.
Die Rarlingische Renaissance.
Nach dem Aufstand der Pariser Kommune im Jahre 1871
zog man aus den Trümmern des eingeäscherten Hotel de Ville
eine Bronzestatuette hervor, kaum ein viertel Meter hoch, un—
scheinbar durch Alter und Zerstörung mancher Einzelheit. Ge—
nauere Untersuchung ergab, daß in ihr das einzige glaubhafte
Bild Karls des Großen auf unsere Tage gekommen ist.
Die Statuette stellt den Kaiser zu Pferde dar, ganz im
Sinne jener antiken Reiterbilder, von denen das Standbild
Marc Aurels auf dem Kapitol eine Vorstellung giebt. Auf
kräftig gebautem Roß sitzt Karl zuversichtlich und majestätisch
in der von seinem Biographen Einhard geschilderten nationalen
Staatstracht. Die Füße bedecken edelsteingeschmückte Schuhe;
über ihnen erscheinen die Waden in der für fränkische Kleidung
bezeichnenden Umschnürung kreuzweise gelegter Binden; von der
Schulter fällt wallend über Rock und Schenkel und Schwert—
gehenk der Mantel herab; das Haupt wird gekrönt durch einen
Goldreif mit reichem Besatz von Edelsteinen und Perlen. Die
linke Hand führt, weit vorgestreckt, doch vollumfassend, den
Reichsapfel, die rechte mag einst die königliche Lanze gehalten
haben. Alles atmet Kraft an dem wuchtigen Körper; neben
das Roß gestellt, würde der Reiter dasselbe um fast doppelte
Kopfeslänge überragen.