Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Die Karlingische Renaissance. 
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Und herrlich sitzt das Haupt auf diesem Körper. Herrsch— 
gewohnt, erhabenen Blickes schaut der Kaiser in die Ferne, so 
daß der auch sonst als charakteristisch bezeugte kurze Nacken bei 
zurückgeworfenem Kopfe noch gedrungener erscheint. Unter den 
großen Augen aber ragt eine scharf gebogene Nase mit schnei— 
digem Rücken hervor, nimmt eine kurze Oberlippe den kräftigen 
Schnurrbart auf, wird das Untergesicht endlich durch ein Kinn 
abgeschlossen, das man am einfachsten als bismarckisch bezeichnen 
kann: so sehr gemahnt es an den großen Staatsmann der neu— 
deutschen Geschichte. Bekrönt endlich wird das Gesicht durch ein 
kolossales, fast kugelrundes Hinterhaupt, von dem allerseits 
künstlich gelocktes Haar, durch den Goldreif noch eben zusammen⸗ 
gehalten, herabfällt. 
Es ist ein Bild der Kraft und des Geistes, dieser Kaiser 
zu Roß: es ist der Franke, der ohne viel Federlesens sich auf 
das Roß der römischen Imperatoren geschwungen hat. 
Wie anders stellten sich spätere Zeiten den Kaiser vor! 
Als Dürer von seiner Vaterstadt den Auftrag erhielt, die 
Kaiser Sigmund und Karl den Großen zu malen, da schuf er 
aus den Anschauungen des späteren Mittelalters heraus das 
Idealbild, in dessen Banne auch wir noch zu stehen pflegen. 
Nicht in thatbereiter Manneskraft, als allwaltender Greis viel⸗ 
mehr ist der Kaiser dargestellt; lang fließt unter der historischen 
Kaiserkrone das Haar herab, um sich mit den reichen Wellen 
eines wohlgepflegten Vollbartes zu vereinen, und über der Fülle 
des Bartes thront eine gebietende Lippe, herrscht eine langgezogene 
feine Nase, blicken zwei Augen voll milder Weisheit und 
patriarchalischer Güte, zeugt die durchfurchte Stirn von Er— 
fahrungen reich in Dulden und Hoffen. Der Körper des Kaisers 
aber verschwindet fast völlig unter der Last jener weltlichen und 
geistlichen Insignien, die sich im Laufe von mehr als einem 
halben Jahrtausend zum Krönungsornate der römischen Kaiser 
deutscher Nation emporgetürmt hat. 
Beide Auffassungen der Person Karls, die der Karlingischen 
Statuette wie die des Dürerschen Porträts, an sich so ver— 
schieden, beruhen auf richtiger geschichtlicher Würdigung des
	        
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