Die Karlingische Renaissance.
47
Und herrlich sitzt das Haupt auf diesem Körper. Herrsch—
gewohnt, erhabenen Blickes schaut der Kaiser in die Ferne, so
daß der auch sonst als charakteristisch bezeugte kurze Nacken bei
zurückgeworfenem Kopfe noch gedrungener erscheint. Unter den
großen Augen aber ragt eine scharf gebogene Nase mit schnei—
digem Rücken hervor, nimmt eine kurze Oberlippe den kräftigen
Schnurrbart auf, wird das Untergesicht endlich durch ein Kinn
abgeschlossen, das man am einfachsten als bismarckisch bezeichnen
kann: so sehr gemahnt es an den großen Staatsmann der neu—
deutschen Geschichte. Bekrönt endlich wird das Gesicht durch ein
kolossales, fast kugelrundes Hinterhaupt, von dem allerseits
künstlich gelocktes Haar, durch den Goldreif noch eben zusammen⸗
gehalten, herabfällt.
Es ist ein Bild der Kraft und des Geistes, dieser Kaiser
zu Roß: es ist der Franke, der ohne viel Federlesens sich auf
das Roß der römischen Imperatoren geschwungen hat.
Wie anders stellten sich spätere Zeiten den Kaiser vor!
Als Dürer von seiner Vaterstadt den Auftrag erhielt, die
Kaiser Sigmund und Karl den Großen zu malen, da schuf er
aus den Anschauungen des späteren Mittelalters heraus das
Idealbild, in dessen Banne auch wir noch zu stehen pflegen.
Nicht in thatbereiter Manneskraft, als allwaltender Greis viel⸗
mehr ist der Kaiser dargestellt; lang fließt unter der historischen
Kaiserkrone das Haar herab, um sich mit den reichen Wellen
eines wohlgepflegten Vollbartes zu vereinen, und über der Fülle
des Bartes thront eine gebietende Lippe, herrscht eine langgezogene
feine Nase, blicken zwei Augen voll milder Weisheit und
patriarchalischer Güte, zeugt die durchfurchte Stirn von Er—
fahrungen reich in Dulden und Hoffen. Der Körper des Kaisers
aber verschwindet fast völlig unter der Last jener weltlichen und
geistlichen Insignien, die sich im Laufe von mehr als einem
halben Jahrtausend zum Krönungsornate der römischen Kaiser
deutscher Nation emporgetürmt hat.
Beide Auffassungen der Person Karls, die der Karlingischen
Statuette wie die des Dürerschen Porträts, an sich so ver—
schieden, beruhen auf richtiger geschichtlicher Würdigung des