Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

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Fünftes Buch. Zweites Kapitel. 
Fremdem und Einheimischem, gegenüber antiker Tradition und 
germanischer Eigenart. Denn eben hierin liegt die Bedeutung 
Karls des Großen, ja des Karlingischen Staates und der Kar⸗ 
lingischen Kultur überhaupt, daß sie universell und neidlos die 
sehr verschiedenen Einflüsse, unter denen das Zeitalter stand, 
aufzunehmen und zu dem zu verknüpfen begann, was das 
eigentliche mittelalterliche Wesen bezeichnet. 
Der größte aller Gegensätze, den es hier auszugleichen galt, 
war derjenige zwischen der noch niedrigen germanischen Kultur 
der fränkischen Sieger und der gallischen Tradition eines über— 
feinerten antiken Lebens, wie sie für die Franken durch die Er— 
oberung Italiens wirksam aufgefrischt worden war. Es waren 
an sich unversöhnliche Gegensätze; ohne Vermittlung hätten sie 
einander aufreiben müssen — und kein Zweifel, daß auch in 
diesem Falle der Lebende, der Barbarismus des Germanentums, 
recht behalten hätte; — aber auch bei günstigster Vermittlung 
war vorauszusehen, daß die Verschmelzung ein Zeitalter erfordern 
würde und nur unter mancher Einbuße deutschnationaler Ele— 
mente und starker Verblassung der antiken Einwirkungen vor 
sich gehen konnte. Die Vermittlung aber übernahm schließlich 
die Kirche, und das Verdienst Karls des Großen ist es, eben 
die Kirche dauernd in diese Vermittlerrolle gedrängt zu haben. 
So wird denn das kirchliche Interesse für Karl den Großen 
im Laufe seiner Regierung von Jahrzehnt zu Jahrzehnt mehr 
das centrale Interesse überhaupt, bis sein Reich nach der Kaiser— 
krönung des Jahres 800 einen gottesstaatlichen Charakter an⸗ 
nimmt. So begreift es sich, daß Augustins Buch vom Gottes⸗ 
staat die Lieblingslektüre des Kaisers ward: er wollte dem 
Gedanken des großen Kirchenlehrers von Hippo Leben verleihen, 
wenn auch in anderer Gestalt, als dieser gemeint hatte. So 
versteht sich die Fülle der Verwaltungsmaßregeln und Ver— 
ordnungen, durch deren Erlaß das geistliche Element, allen 
voran die Bischöfe, zur Mitregierung des Reiches berufen ward, 
so die Begünstigung und bald Beherrschung des Papsttums, 
so die stattliche Reihe der Glaubensktiege im Osten. 
Aber auch die Energie Karls des Großen vermochte es
	        
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