Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Die Karlingische Renaissance. 
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nicht, eine neue germanisch-römisch-christliche Kultur aus der 
Erde zu stampfen. So großartig sein Wagnis und so un— 
begrenzt seine Kraft erscheint: hier kämpfte er gegen den Genius 
der nationalen Geschichte selbst. So sicher gewaltige Geister 
eine bestimmte Entwicklung um Jahrzehnte fördern oder hemmen 
können, und so bestimmt sie in diesem Vermögen die Macht 
besitzen über Glück und Unglück von Tausenden ihrer Zeit— 
genossen: so wenig sind sie im stande, neue Zeitalter höherer 
Entwicklung aus eigenen Kräften im Handumdrehen zu schaffen. 
Die Geschicke der Nationen, denen es überhaupt vergönnt ist 
sich auszuwirken, gehen ihren eigenen Weg nach ihnen inne— 
wohnenden Gesetzen, und auch ihre hervorragendsten Söhne 
haben dem gegenüber nicht mehr Freiheit eigenen Wirkens, als 
etwa der Durchschnittsmensch Willensfreiheit besitzt gegenüber 
der kleinen Welt seiner Umgebung. 
Es würde daher falsch sein, sich Karl den Großen auch 
nur in den letzten Jahren seines langen Lebens von Zuständen 
umgeben zu denken, die dem Ideal geglichen hätten, das seine 
Seele wie ein schöner Traum entzückte. Noch im 18. und 
14. Jahrhundert galten Karls Anschauungen als vorbildlich für 
jeden Herrscher: ein sicherer Beweis dafür, daß auch damals 
noch nicht Karls Ziele völlig zu Leben und That geworden 
waren. In der Umgebung, am Hofe des großen Kaisers aber 
darf man nicht mehr als die Anfangserscheinungen des von 
ihm erstrebten Ideales einer germanisch-antiken Kultur suchen. 
II. 
In der That lassen sich am Hofe Karls genau die beiden 
Strömungen scheiden, die germanische und die antike. Und 
von beiden ist die germanische noch immer die ungleich tiefere. 
Mochte der Kaiser sie auch über sich selbst hinaus zu veredeln 
suchen, mochte er persönlich an einer ersten Grammatik der 
deutschen Sprache schreiben, mochte er den deutschen Helden— 
sang der Vorzeit und der Mitwelt mit historischem Sinne be— 
handeln und demgemäß aufzeichnen lassen zum Nutzen späterer 
Zeiten, da er ihn nicht mehr lebend vermutete: eben in dieser 
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