Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Die Karlingische Renaissance. 
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Theodrada in stolzer Haltung; beide in den kostbarsten Gewän— 
dern von gewählter Farbenstimmung, in jenen bald rötlich, 
bald bläulich schillernden Tinten, welche die Kunstausstattung 
Karlingischer Prachthandschriften noch heute dem entzückten Auge 
vorführt. 
So wohnen sie allen Vergnügungen des Hofes bei; auch 
der Jagd, der Lieblingsbeschäftigung des Kaisers. 
Von Achen aus war es wohl namentlich die Jagd auf 
wilde Schweine, dieses eigentlichste Wild des Rheinlandes, die 
Karl den Großen erfreute. Da ritt man früh morgens aus 
und umstellte ein Dickicht. Dann fallen die Ketten der Rüden, 
und die Hunde eilen der Wildbahn zu, bis sie mit scharfer 
Nase den bräunlichen Eber erspüren. Jetzt sprengen die Reiter 
mit lautem Rufe ihm nach; kief in den Forst ergießen sich 
Jäger und Meute. Endlich, auf Bergeshöhe, ist der Eber ge— 
stellt. Er wetzt die Hauer gegen die Hunde, die tödlichen Waffen; 
er schleudert die Ruden hinweg; er rollt sie zu Boden. Da 
fliegt Karl herbei, federt das Wild, taucht ihm das kalte Eisen 
in die Eingeweide. Und nun geht's hinab von der Halde. 
Eine neue Jagd beginnt, weitere folgen ihr; unzählige Wild— 
schweine werden erlegt. Gegen Abend erst wird die Jagd ge— 
schlossen, die Beute an die vornehmen Jagdgenossen verteilt. 
Dann aber eilt alles zum kühlen Waldesschatten, zum frischen 
Wasser und den breiten Rasenflächen des Ufers. Gold— 
schimmernde Zelte sind hier errichtet, ein kaiserliches Mahl er— 
wartet Jung und Alt, und nach ihm erquickender Schlummer. 
Frisch wie Waldesodem weht es aus der Schilderung An— 
gilberts, der unser Auszug entnommen ist!; ein deutscher Wald 
wölbt sich über den kaiserlichen Schläfer und seinen Genossen, 
und deutsch wie vor tausend Jahren ist ihr Thun und Sinnen. 
Und doch war dieser Kaiser derselbe, den man in schlaf— 
losen Nächten mit Schreibtafel und Griffel erblicken konnte, wie 
er geduldig die Charaktere der römischen Buchstaben nachmalte, 
deren Geheimnis sich seiner Jugend nicht erschlossen hatte. 
Doch war dieser frische Jäger der gleiche, der im ernsten Ge⸗ 
Angilbert, Karolus Magnus et Leo III. papa, Poëtae Lat 
aevi Carolini J., 373 5.
	        
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