Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

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Fünftes Buch. Zweites Kapitel. 
Verfalls. So wollte es ein eigentümliches Geschick, daß zu den 
Zeiten Pippins und Karls des Großen der wertvollste Gehalt 
der klassischen Überlieferungen im Mittelpunkte der alten Welt 
wie an deren Grenzen von germanischen Völkern bewahrt ward 
— von Völkern, die, noch unbekannt mit den Schätzen Roms, 
im Mündungsgebiete der Elbe einstmals nachbarlich neben— 
einander gesessen hatten. 
Das war eine Lage der Dinge so günstig wie nur denkbar 
für den großen Frankenherrscher, falls er gesonnen war, seinem 
Hofe und Volke die Segnungen klassischer Bildung zuzuführen. 
Denn welchen Händen hätte er sie in bereiterer Form entnehmen 
können, als germanischen? 
Im Jahre 774 hatte Karl zum erstenmal Italien ge— 
sehen, Rom besucht. Es waren kurze Tage, die in der 
Niederwerfung des langobardischen Reiches, in der ersten rohen 
Ordnung der Verhältnisse des eroberten Landes dahinflogen. 
Erst 781 sah der fränkische Langobardenkönig sein Land mit 
verweilendem Auge; und nun drängte sich ihm die ganze Be— 
deutung dieses Erwerbes auf. Wie unendlich groß war doch 
der Abstand der fränkischen Heimat von dieser Erde mit ihren 
Denkmälern einer tausendjährigen Geschichte, ihrer feingebildeten 
Gesellschaft, ihren künstlerischen und litterarischen Interessen. 
Und wie nicht minder groß mußte dem König der Unterschied 
erscheinen zwischen seiner eigenen spärlichen Bildung, die er der 
rohen Lehre irgend einer fränkischen Klosterschule, wohl den 
Mönchen von St. Denys verdankte, und zwischen dem geistig 
bewegten Dasein der Besiegten. 
Der Vergleichung mochte Karl den festen Entschluß ent— 
nehmen, auch das Frankenreich zur Heimat klassischer Bildung 
zu machen. Schon Karls Vater Pippin hatte aus seinen Be— 
ziehungen zum Papsttum geistigen Nutzen gezogen; seine Vor— 
liebe für die Musik hatte zu einer engen Verbindung namentlich 
mit der römischen Sängerschule geführt!; und neben musikalischen 
S. oben S. 18. Interessant ist neben den bekannten gleichzeitigen 
Nachrichten die sagenhafte Erzählung bei Andr. Bergom. c. 4, MG. 88. 
Lang. S. 224. Vgl. auch Mausi 12, 645, 660 (Jaffé? 2346), 761, dazu 
Gregorovius, Gesch. Roms 2, 310; und Baronius z. J. 761 Nr. 15.
	        
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