66
Fünftes Buch. Zweites Kapitel.
eine nicht geringe Anzahl von Versen z. B. Alcuins ist erhalten
und erzählt von dem gutmütigen Humor, der frischen Lebens—
lust und der freien satirischen Auffassung des Verfassers: den
vollen Namen des Dichters aber verdienen unter den unmittel⸗
baren Zeitgenossen Karls wohl höchstens Theodulf von Orleans
und Paulus Diaconus.
Freilich zeitigten die kommenden Generationen vornehmlich
auch auf deutschem Boden einige wahre Dichter. Über alle
ragt hier Walahfrid Strabo empor, ein Alamanne niederer
Herkunft, welcher der Gunst des Kaisers seine frühe Beförderung
zum Abt der Reichenau verdankte. Er ist in seinen Epigrammen
und Idyllen, in seinen epischen und didaktischen Gedichten der
eigentliche Erbe, ja der Mehrer des Vermächtnisses der Kar—
lingischen Frührenaissance; und in dem Gedichte De visionibus
Wettini (verfaßt nach April 825) wird er sogar zum Begründer
eines neuen echt mittelalterlichen Zweiges der Poesie, der visio—
nären Dichtung: von seinen Spuren aus läuft ein ununter—
brochener Pfad der Entwicklung hin bis zu Dante, den
strafenden Dichter der göttlichen Komödie. Und auch als
Walahfriv noch im blühenden Mannesalter, um die Mitte des
9. Jahrhunderts, starb, lebten spärliche Träger der alten früh—
karlingischen Dichtkunst fort, in Deutschland namentlich der
Prümer Mönch Wandalbert, den die rauhe Umgebung seines
Klosters nicht abhielt, seinem versifizierten Martyrologium
(Heiligenkalender) vom Jahre 848 eine fein beobachtende
Schilderung der monatlich wechselnden Erscheinungen des Natur—
und Menschenlebens anzuhängen.
Gegen Schluß des Jahrhunderts dagegen ist die Stimmung
—D— mehr frohe
Idylle, nur breite Lehrgedichte noch verfaßt Notker der Stammler
von Sankt Gallen, der hervorragendste Dichter dieser Zeit; im
übrigen ertönt sein Mund zum Lobe Gottes in frommen Hymnen:
die Dichtung ist, wie schon längst vor ihr die Musik, ganz in
den Dienst der Kirche getreten.
Es ist der Umschwung, der in der allgemeinen Bewegung
der Litteratur bereits seit der Zeit Ludwigs des Frommen