68 Fünftes Buch. Zweites Lapitel.
auch Augustin wurden jetzt allgemein gelesen; in unzähligen
Blütenlesen und Auszügen wurden ihre Schriften verarbeitet.
In Deutschland wurde namentlich die Auslegung der Bibel
und mit ihr das grammatisch-theologische Studium betrieben.
Der Hauptvertreter dieser Richtung ist Hraban, ein edler Franke,
in Tours gebildet, dann Lehrer und Abt im Kloster Fulda,
schließlich Erzbischoff von Mainz. Außerordentliche Fähigkeit
geistiger Aufnahme, eiserner Fleiß, philologische Anlage zeichnen
ihn aus; ein erster großer Praeceptor Germaniae hat er
neben Bibelkommentaren und einer Fülle anderer Schriften eine
Encyklopädie für den geistlichen Beruf wie eine allgemeine
Encyklopädie des Wissens geschrieben. Niemand steht ihm
während des 9. Jahrhunderts an Wissen und pädagogischer
Wirksamkeit ebenbürtig zur Seite; in Deutschland kann höchstens
Walahfrid als Verfasser der Glossa ordinaria, eines Kommen—⸗
tars der Bibel, der Jahrhunderte hindurch benutzt wurde. neben
ihm genannt werden.
Die durch Hraban eingeleitete Bewegung hat in ab—
nehmender Stärke noch das ganze 9. Jahrhundert erfüllt. Ihr
Verfall wird am besten durch die litterarische Hinterlassenschaft
Ermenrichs, des Mönches von Ellwangen, späteren Bischofs
von Passau, gekennzeichnet. In seinen Heiligenleben, noch mehr
in seinem Briefe an den ostfränkischen Erzkaplan Grimald
zeigt sich eine wüste, völlig von der Tradition abhängige Ge—
lehrsamkeit ohne jedes Maßhalten in der Form, die Sucht,
mit seltenen Brocken von Erudition zu glänzen!, und eine
große Eingebildetheit auf das Verdienst bloßen Wissens.
Es waren Ergebnisse wie sie freilich bei dem ganzen
Charakter der Karlingischen Wissenschaft unvermeidlich waren.
Die gelehrte Bildung erforderte, neben der höheren, von wenigen
erreichten Kenntnis der Astronomie, Geometrie, Arithmetik und
Musik?, des sogenannten Quadriviums, vor allem Sicherheit
1U. a. auch mit unverstandenem Griechisch. Griechisch verstand,
wenn man das Wort Verstehen gebrauchen darf, im 9. Jahrhundert außer
Ermenrich in Deutschland wohl nur noch Walahfried; vgl. Dümmler in
den Sitzungsberichten der Berliner Ak. d. Wissenschaften 1890, S. 940 —(137).
2 Musik war in diesem Falle die auf Tonverhältnisse übertragene
Zahlenlehre, nicht etwa irgend eine musikalische Fertigkeit.