Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Die Karlingische Renaissance. 
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in der Grammatik, Rhetorik und Dialektik, im sogenannten 
Trivium. Dabei begriff die Grammatik die Wortkenntnis, die 
Dialektik die Lehre vom logischen Bau, die Rhetorik die Kunst 
der lateinischen Rede. 
Erwachsen war der Lehrgang des Triviums auf dem Boden 
des antiken Staates und seiner staatsbürgerlichen Anforderungen. 
Gerichtssaal und Markt beanspruchten hier den ganzen Mann; und 
Kraft und Ausdrucksfähigkeit der Rede mußten als erstes Ziel der 
Vorbereitung männlicher Bildung gelten. Nun war aber schon in der 
späteren Kaiserzeit das öffentliche Leben verfallen. Gleichwohl 
behielten die höheren Bildungsanstalten des 4. und 13. Jahr—⸗ 
hunderts, die gallischen, spanischen, italischen Rhetorenschulen, 
den alten Lehrgang bei: sie vermittelten also eine unpassende, 
rein formale, nicht mehr auf Leben und Gegenwart zugeschnittene 
Bildung. 
Aber man änderte den Lehrgang nicht; starr ward er den 
kommenden Zeiten, inhaltlich fast unverändert auch dem Bildungs⸗ 
bedürfnis der Karlingischen Renaissance überliefert. Es ver⸗ 
steht sich, wenn unter diesen Umständen der Unterricht, ja die 
Bildung selbst in einer Weise Selbstzweck ward, die mit den 
realen Forderungen der Zeit nur noch in geringem Zusammen⸗ 
hang stand. Es konnte soweit kommen, daß Bildung als etwas 
rein Formelles angesehen wurde, daß man Dichtung mit Vers— 
macherei verwechselte, daß man die Poesie als eine erlern⸗ 
bare Fertigkeit betrachtete, daß in der Prosa die Phrase galt, 
nicht mehr der Inhalt. 
Fruchtbringende Gelehrsamkeit, wahre Wissenschaft war 
bei solcher Vorbildung und geistigen Haltung von vornherein 
ausgeschlossen. Aber hätte selbst die antike Tradition ein freies 
Walten der Wissenschaft zugelassen, das geistige Niveau wenigstens 
der germanischen Völker im Reich hätte ihren Bestand nimmer—⸗ 
mehr ermöglicht. Das geistige Feld der Germanen dieser Zeit 
war noch durchaus die Anschauung, das Nebeneinander, nicht 
aber das Verständnis, das Übereinander: bei dem Mangel der 
ausgeprägten Fähigkeit, über- und unterzuordnen, fehlte die eigent⸗ 
liche Voraussetzung wissenschaftlichen Denkens. Auch von dieser
	        
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