Die Karlingische Renaissance.
69
in der Grammatik, Rhetorik und Dialektik, im sogenannten
Trivium. Dabei begriff die Grammatik die Wortkenntnis, die
Dialektik die Lehre vom logischen Bau, die Rhetorik die Kunst
der lateinischen Rede.
Erwachsen war der Lehrgang des Triviums auf dem Boden
des antiken Staates und seiner staatsbürgerlichen Anforderungen.
Gerichtssaal und Markt beanspruchten hier den ganzen Mann; und
Kraft und Ausdrucksfähigkeit der Rede mußten als erstes Ziel der
Vorbereitung männlicher Bildung gelten. Nun war aber schon in der
späteren Kaiserzeit das öffentliche Leben verfallen. Gleichwohl
behielten die höheren Bildungsanstalten des 4. und 13. Jahr—⸗
hunderts, die gallischen, spanischen, italischen Rhetorenschulen,
den alten Lehrgang bei: sie vermittelten also eine unpassende,
rein formale, nicht mehr auf Leben und Gegenwart zugeschnittene
Bildung.
Aber man änderte den Lehrgang nicht; starr ward er den
kommenden Zeiten, inhaltlich fast unverändert auch dem Bildungs⸗
bedürfnis der Karlingischen Renaissance überliefert. Es ver⸗
steht sich, wenn unter diesen Umständen der Unterricht, ja die
Bildung selbst in einer Weise Selbstzweck ward, die mit den
realen Forderungen der Zeit nur noch in geringem Zusammen⸗
hang stand. Es konnte soweit kommen, daß Bildung als etwas
rein Formelles angesehen wurde, daß man Dichtung mit Vers—
macherei verwechselte, daß man die Poesie als eine erlern⸗
bare Fertigkeit betrachtete, daß in der Prosa die Phrase galt,
nicht mehr der Inhalt.
Fruchtbringende Gelehrsamkeit, wahre Wissenschaft war
bei solcher Vorbildung und geistigen Haltung von vornherein
ausgeschlossen. Aber hätte selbst die antike Tradition ein freies
Walten der Wissenschaft zugelassen, das geistige Niveau wenigstens
der germanischen Völker im Reich hätte ihren Bestand nimmer—⸗
mehr ermöglicht. Das geistige Feld der Germanen dieser Zeit
war noch durchaus die Anschauung, das Nebeneinander, nicht
aber das Verständnis, das Übereinander: bei dem Mangel der
ausgeprägten Fähigkeit, über- und unterzuordnen, fehlte die eigent⸗
liche Voraussetzung wissenschaftlichen Denkens. Auch von dieser