72 Fünftes Buch. Zweites LKapitel.
sich unter diesen Umständen wohl nur die Pfalzbauten; in ihnen
wirkten römisch-byzantinische Kunst und heimische Tradition
zusammen. Der germanische Herrschersitz war die um einen
gewaltigen Saalbau erweiterte und in ihren Abmessungen ver⸗
größerte Hofanlage des Gemeinfreien gewesen mit den verschieden⸗
artigsten Gebäuden für jederlei Zweck der Haushaltung und
der Viehzucht; der römische Kaiserpalast war erwachsen aus
dem künstlerisch entwickelten Kriegslager. Die Pläne beider
Anlagen, zu denen sich noch das Moliv einer Kapelle gesellte,
dermochten sehr wohl mit einander zu verschmelzen: gewaltige
Bauten, die dies Problem lösten, entstanden auf deutschem
Boden unter Karl dem Großen in Ingelheim, Achen und Nij—
megen. Überall bildeten hier Saal und Kapelle einen doppelten
Höhepunkt des architektonischen Planes und der Gliederung;
verbunden waren sie durch Holzsäulengänge, Lauben echt ger⸗
manischen Charakters: wie auch mindestens die Obergeschosse
der Wohnräume und die Nebengebäude noch aus Holz be⸗
standen und durch nationale Ofen erwärmt wurden an Stelle
der römischen Hypokausten des Saales.
Viel weniger gelang es, auf dem Gebiete der kirchlichen
Bauten nationale Tradition und kirchliche Anforderungen zu
verschmelzen. Die Missionskirchen des inneren Deutschlands
werden freilich wohl ausnahmslos Holzbauten mehr oder
minder germanischen Stiles gewesen sein; doch wo man Höheres
schuf, da verschmähte man es, die einheimische Kunst zu ver⸗
edeln. Karl selbst griff in diesem Gebiete auf die Bauten
Theoderichs des Großen, in dem er so gern seinen Vorgänger
sah, zurück. So entstand die Musterkirche der Zeit, die
Pfalzkapelle zu Achen. Noch heute sieht man dem Ganzen an,
daß ein für seine Zeit allmächtiger Wille es hier unternommen
hat, Unerhörtes zu schaffen; auch uns Modernen bleibt der
Eindruck des Erhabenen. Aber die Formen sind schwerfällig,
die Einzelheiten roh, mag man die einfachen Muster der Bronze⸗
gitter an den Emporen ins Auge fassen oder die dünnen Platten
unkünstlerischer Grauwacke, daraus der größte Teil des Baues
geschichtet ist.