Die Karlingische Renaissance.
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Unter den germanischen Stämmen aber fand das Central—⸗
system der Achener Kapelle mit wenigen Ausnahmen! keine Be—
wunderung. Die Deutschen entfalteten ihren ersten Stil römischer
Rezeption, die romanische Bauweise, von ganz anderen Voraus—
setzungen aus; die Renaissance des Hofes blieb ohne Wirkung.
Anders auf dem Gebiete der Malerei und auch der Plastik.
Hier ging zunächst vom Luxusbedurfnis des Hofes her eine
besonders kräftige Einwirkung auf die Kleinkunst aus. Es
begann das Zeitalter jener zahlreichen Schnitzereien aus Elfen⸗
bein, die an altchristliche und klassische Vorbilder so innig
anknüpfen, daß gute Exemplare bisweilen nur schwer von ver⸗
wandten Arbeiten der italienischen Frührenaissance zu unter—
scheiden sind?. Vor allem aber erhob sich die malerische Aus⸗
stattung von Prachthandschriften zur ungewohnten Höhe einer
wirklichen, großen Kunst?.
Schon zu merowingischer Zeit hatte man die liturgischen
Bücher auch im Frankenreiche künstlerisch auszustatten getrachtet;
wie unendlich verschieden aber ist der Eindruck dessen, was
dieses Zeitalter erreichte, von dem der glänzenden Erzeugnisse
schon der frühesten Karlingischen Renaissance.
Aller Wahrscheinlichkeit nach ging auch hier der Hof in
der Begünstigung wenn nicht gar Ausübung künstlerischer
Thätigkeit voran. Zwar hatte sich der Kaiser in den Libri
Carolini gegen den Bilderdienst ausgesprochen. Aber als
Wandschmuck der Kirche wurden die Bilder doch ausdrücklich
zugelassen. Und im Gegensatz zu Byzanz suchten die Karo—
linischen Bücher, ein erstes Denkmal germanischer Kunsttheorie,
Die bekanntesten sind die Essener Bauten. Im übrigen geht, was
sich von Centralanlagen vom 9. bis zum 18. Jahrhundert in Deutschland
findet, fast stets mittelbar oder unmittelbar auf das Achener Münster
zurück; doch sind Centralanlagen nur den Rhein entlang vom Elsaß bis
nach Holland nachzuweisen. Über die Tform der Fuldaer und Hersfelder
Bauten und die Anfänge der kreuzförmigen Basilika s. Graf im Repert.
für Kunstwissensch. Bd. 158, Kraus II, 1S. 8f.; auch Hauck II, 259 Anm. 5.
»Vgl. Tikkanen, Psalterillustration im Mittelalter III 1900 S. 305.
8 Eine Liste der Schulen bei Leitschuh, Geschichte der Karol. Malerei,
Berlin 1894 S. 91293.