76 Fünftes Buch. Zweites Rapitel.
Sicherer wird man hierüber urteilen, hält man sich gegen—
wärtig, daß die germanische Anschauung sich mit nichts als
der Fähigkeit bloß ornamentaler Wiedergabe der reich ge—
stalteten Bilderwelt der klassischen Überlieferung näherte. Es
war natürlich, daß unter diesen Umständen Rezeption und
Nachahmung nur beschränkt sein konnten. Im Kontur der dar—
gestellten Personen wurde nur die allgemeine Bewegungslinie,
die ideelle Wahrheit des äußeren Umrisses festgehalten; im
besten Falle erreichte man ein geschmackvolles Mittelding zwischen
typischer Ornamentation und umwverstandenem Naturalismus.
Das Gleiche gilt für die Darstellung der sonstigen Außenwelt,
namentlich der Landschaft. Die Landschaft löst sich in
ornamentierte Berge, Bäume, Pflanzen auf, die unvermittelt
und ohne Rücksicht auf ihr gegenseitiges natürliches Größen—
verhältnis nebeneinander gestellt werden: von einer organischen
Auffassung des Ganzen, einer auch nur halbwegs naturalistischen
der Einzelheiten ist um so weniger die Rede, als schon die
antike Landschaftsmalerei, von der Bühnenmalerei ausgehend,
eine voll organische Behandlung des Vorwurfs wenigstens in
perspektivischer Hinsicht nicht erreicht hatte.
Wurden aber schon die Linien des Umrisses unter dem deutlichen
Einfluß bloß ornamentaler Schaffenskraft ornamental behandelt,
wie sollte man da Verständnis besessen haben für Farbe, Per—
spektive, Licht! Die deutschen Miniaturen dieser Zeit wimmeln
von grünen Pferden, ziegelroten Felsen, blauem Haupthaar
u. dergl., das alles in den schreiendsten, nur gelegentlich durch
Goldstrichelung gemilderten Farben: die Farbe hat nur einen
ornamentalen, typischen, nicht einen individuellen, dem dar—
gestellten Gegenstande eigentümlichen Wert. Eine Luft—
perspektive aber besteht überhaupt nicht, höchstens kann sie in
einer wpisch-ornamentalen Abtönung des Hintergrundes durch eine
Reihe aufeinanderfolgender, konventioneller Farbentöne hindurch
gefunden werden?; und die Linearperspektive ergeht sich in den
Bgl. Janitschek, Gesch. der Malerei S. 48 —49, über die Miniaturen
des Goldenen Buches von Sankt Gallen.
2 Und auch diese beruht noch auf antiken Einflüssen; s. Leitschuh
S. 487; auch Braun, Trierer Buchmalerei (Westd. Zeitschrift, Er—
gänzungsheft 9 [1896) S. 76 für die Ottonenzeit.