Drittes Kapitel.
Politlische Wirkungen der veränderten
gesellschaftlichen Schichtung.
4.
Im Leben des sozialen Körpers einer Nation mag man
die Staatsgewalt mit ihren ordnungsmäßigen Leistungen wohl
mit dem centralen Nervenapparat des menschlichen Indivi—
duums vergleichen!: mit bewußtem Wollen soll der Staat
die Hauptthätigkeit der Gesellschaft leiten. Wohl giebt es,
entsprechend den untergeordneten animalischen und Reflex⸗—
bewegungen im menschlichen Körper, auch eine Fülle untergeord—
neter sozialer Bewegungen, die ohne einschneidende höhere Be—
ziehungen in sich abgeschlossen verlaufen: allein sie dürfen nicht
überwiegen, soll anders die öffentliche Gewalt die zielbewußte
Führerin der nationalen Entwickelung bleiben.
Im 10. bis 12. Jahrhundert war das deutsche Königtum
nicht im Besitz solcher Führung. Hatte Karl der Große ein
weitgehendes Verständnis gehabt für die höchsten Aufgaben so—
zialer Politik, hatte er mit vollem Bewußtsein und wenigstens
zeitweisem Erfolge die sozialen Daseinskämpfe zu Gunsten der
schwächeren Gesellschaftsschichten beeinflußt und die soziale Ge—
samtentwickelung den für die Nation und die öffentliche Gewalt
zweckdienlichsten Weg zu leiten gesucht: die Ottonen, die Salier
und Staufer sorgten sich weit weniger um solche Dinge.
Schäffle, Bau und Leben 1, 67.