Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

28 Neuntes Buch. Erstes Kapitel. 
Denn während die Kaiser im Südwesten des Reiches heimisch 
wurden, begannen die Länder des Niederrheins schon ganz die 
Wege einer besonderen, von England und Flandern abhängigen 
Entwickelung zu gehen, erhob sich der Nordosten in dem gewaltigen 
Ringen der slawischen Kolonisation zu den neuen, völlig eigen— 
artige Interessen verfolgenden Territorialherrschaften Heinrichs 
des Löwen und Albrechts des Bären!. Die Einheit des Reiches 
schien damit nur noch lose gewahrt, wenngleich Friedrich durch 
einen kräftigen polnischen Kriegszug die königliche Macht auch 
im fernen Osten geltend zu machen suchte. 
Unter diesen Umständen mußte eine Wendung der Dinge, 
die den Kaiser vornehmlich zu italienischer Politik veranlaßte, 
für das Ganze des Reiches von verhängnisvollen Folgen sein. 
Und doch war sie schon durch die lombardischen und römischen 
Anknüpfungen der ersten italienischen Fahrt Friedrichs eingeleitet 
worden. Jetzt aber fand sie einen unabwendbaren Anstoß in der 
Stellung der deutschen Fürsten zum König. Je mehr sich nämlich 
Friedrich auf die Laienfürsten stützte, um so mehr strebte nun— 
mehr eine jüngere, ehrgeizige Minderheit des Episkopates dar— 
nach, den Kaiser wiederum in Konflikt mit dem Papste zu 
bringen: nur so konnte sie die eigene Bedeutung gegenüber den 
Laienfürsten wiederum steigern. Ein Konflikt mit dem Papste 
aber bedeutete für den deutschen Herrscher die Notwendigkeit 
tiefer, dauernder Eingriffe in Italien. 
Der Führer der ehrgeizigen Kirchenpartei war Reinald 
von Dassel, seit Frühjahr 1156 Kanzler, bald fanatischer, all⸗ 
herrschender Ratgeber Friedrichs. Er fand eine Lage vor, die 
seinen Plänen günstig war. Das Verhältnis zwischen Kaiser 
und Papst war immer gespannter geworden. Längst überhäufte 
man sich wegen beiderseitigen Bruches der Bedingungen des 
Konstanzer Vertrages mit Vorwürfen: in der That hatte der 
Papft gegen den Vertrag mit den Normannen patktiert, der 
Kaiser mit den Griechen. Dazu kamen Reibungen in Deutsch— 
vgl. unten S 297 ff, 363 ff.
	        
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