Entwickelung und Wesen der ritterlichen Gesellschaft. 179
Schwer schien es erreichbar in seinem vollen Glanze abenteuer—
licher Kriegserfolge daheim und im Morgenland, in Italien und
an den Küsten der nordischen Meere; nur der äußersten Energie
war es zugänglich:
senft' unde ritterlicher pris,
die misseheéllent alle wis
und mugen vil übele samet gewesen!; —
ez ist reht, daz uf der erde
der fruote nimmer werde
mit gapzem gemache?:
so rufen unsere Dichter aus; und der Winsbeke, jener bairische
Ritter, der gut ritterliche Lehre im Sinne Wolframs von Eschen⸗
bach giebt, meint gar, nur in besonderen Glücksfällen möge der
Ritter sein Ideal erreichen:
guot ritterschaft ist toppelspil,
die saelde muoz des degenes pflegens.
Und doch: nicht in der höheren Weihe des Waffenberufs
allein beruhten alle Wünsche des Ritters: über sie hinaus gab
es für ihn ein höchstes Ideal — die Frauenliebe. Die Minne
ist das belebende Element der Zeit; sie steht im Mittelpunkt
des Schicksals der höheren sozialen Schichten; sie erst giebt dem
geistigen Leben ganzen Inhalt, volle Färbung, einzigen Charakter.
In der Geschichte der natürlichen Verfassung des Geschlechts
und der Familie hatte sich seit den ersten Zeiten der Stammes⸗
kultur eine schon viel früher angedeutete Wendung immer stärker
vollzogen: das Geschlecht, die Sippe war zurückgetreten vor der
Familie. Kirchliche und weltliche Entwickelung hatten zu diesem
Ergebnis zusammengewirkt. Das kanonische Heiratsverbot, an⸗
fangs noch in den Geleisen der deutschen Verwandtschaftszählung
verlaufend“, dann davon abweichend, haͤtte sich allmählich vom
1 Tristan 4425.
2 Zweites Büchlein II, 179.
3 Winsbeke 20, 9. Vgl. Wolframs Parzival IV, 294
Vgl. Freisen, Archiv f. kath. Kirchenrecht 56, 2l7 ff.
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