Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Entwickelung und Wesen der ritterlichen Gesellschaft. 181 
Gebundenheit aller höheren Beziehungen in der Ehe; Frau und 
Kinder gehörten noch zum Ingesinde des Mannes, hart übte er 
über beiden sein Recht körperlicher Züchtigung, und die Pflicht 
ehelicher Treue band rechtlich wie im Sinn der Sitte noch 
immer fast nur die Gattin. 
Dementsprechend war die Geselligkeit in den Anfangszeiten 
des Rittertums und im wesentlichen wohl noch während des 
ganzen 11. Jahrhunderts vornehmlich auf die Männer be— 
schränkt; und sie trug den Charakter fast jeder ausschließlichen 
Männergeselligkeit, sie huldigte dem Hetärismus. 
Aber gerade hier trat im Laufe des 12. Jahrhunderts ein 
grundstürzender Wechsel ein. Mit den ersten Einwirkungen der 
Geldwirtschaft, wie sie durchs Land, vornehmlich am Rhein und 
an der Donau, zogen, wuchsen die bis dahin eng begrenzten und 
fast nur für Männer brauchbaren Verkehrsmöglichkeiten. Die 
Straßen wurden belebter und sicherer, der Nachrichtendienst 
bildete sich aus; ein gewisser Luxus des Reisens entwickelte sich 
nicht minder wie ein Luxus der Tracht und der häuslichen 
Einrichtung. Von Burg zu Burg, von Pfalz zu Pfalz spannen 
sich ganz anders, als bisher, die Fäden geselligen Verkehres, 
zumal überall im Lande neben dem kaiserlichen Hofe nun zahl⸗ 
reich fürstliche Höfe zu erblühen begannen; und nicht mehr 
bloß Männer, auch Frauen beteiligten sich an dem neuen Leben. 
Zum erstenmal trat damit das Weib als gesellschaftliches 
Wesen ein in die Pfade der deutschen Entwickelung. Es ver— 
steht sich, daß die neue Erscheinung zu den außerordentlichsten 
Veränderungen führen mußte. Zwar blieb auch jetzt noch das 
Mädchen vom geselligen Verkehr ausgeschlossen, nur die ver⸗ 
heiratete Frau gehörte ihm an. Und auch sie schied trotz ihrer 
neuen sozialen Stellung noch keineswegs aus ihrem bisherigen 
geistigen und rechtlichen Rahmen. Sie wurde nicht schöpferisch 
auf geistigem Gebiete: lyrische Ergüsse der ritterlichen Dichtung, 
die als von Frauen gesprochen erscheinen, sind von Männern 
gedichtet. Sie begann nicht ebenbürtig neben dem Manne zu 
walten: noch Hartmanns Erec zeigt die Frau gegenüber dem
	        
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