Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Entwickelung und Wesen der ritterlichen Gesellschaft. 183 
wickelung, die eintreten mußte in dem Augenblick, wo die Frau 
das Werben des Mannes hinauszog oder gar nicht erhörte!. 
Eben diese Stufe ist bezeichnend für die Blüte der ritter⸗ 
lichen Gesellschaft. Ihr entwächst jene reflektierte, entsagende, 
schließlich der Selbstironie zuneigende Stimmung, jener blaß 
aristokratische Ton, der das Rittertum seit den achtziger Jahren 
des 12. Jahrhunderts zu kennzeichnen beginnt; mit ihrem Ein⸗ 
tritt erstehen die zierlichen und oft gezierten Formen höfisch— 
konventionellen Umgangs: ihre Einwirkungen werden maßgebend 
für die Äußerlichkeiten nicht nur, sondern auch für die geistigen 
Anschauungen der höfischen Kreise. 
Doch ehe sich diese Entwickelung voll aus den Tiefen der 
deutschen Natur heraus zu rein nationalem Leben entfalten 
konnte, erhielt sie Maß und Tönung durch die Rezeption ent— 
sprechender, aber schon viel weiter ausgebildeter Formen des 
französischen Ritterlebens, das vor dem deutschen den Vorteil 
einer um etwa zwei Generationen früheren Entfaltung voraus 
hatte. 
II. 
Die weltgeschichtliche Entwickelung der klassischen Völker, 
der Mittelmeervölker überhaupt, war im wesentlichen so ver— 
laufen, daß die einzelnen Völker, die orientalischen wie das 
griechische und das der Römer, nicht nebeneinander, sondern 
nacheinander zur Blüte gelangten. Die Folge war, daß die 
Kulturerrungenschaften von weltgeschichtlicher Bedeutung sich in 
der Form der Vererbung alles wahrhaft Bedeutenden von einem 
Volk auf das andere vermehrten. So geht der allgemein 
menschliche Gehalt der orientalischen Kultur auf die Griechen. 
der griechischen Kultur auf die Römer über. 
Nerändert wird dieser Prozeß mit Errichtung des römi— 
a Die volle Durchbildung der Anschauung vom Liebesdienst scheint 
allerdings auch für Deutschland schon provençalisch bedingt zu sein; doch 
schlägt das Verhältnis zwischen Mann und Frau in der Liebe schon vor 
der ersten fremden Einführung des, Dienstes“ (durch Meinloh von Seflingen) 
um; vgl. Scherer, Deutsche Studien 2. 513.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.