Entwickelung und Wesen der ritterlichen Gesellschaft. 185
Rengaissance; die klassische Bildung beruht seit dem 14. Jahr—
hundert auf neuerer, gelehrter Vermittlung!.
Wie ganz anders verliefen die Einwirkungen des Christen⸗
tums! Es trat allmählich aus dem Charakter eines rezipierten
Kulturelementes heraus; es ward zu Fleisch und Blut der
abendländischen Nationen; immer tiefer ward es ergriffen; in
seiner ausnahmslosen Aneignung vollzieht sich die religiöse Ent—
wickelung Westeuropas überhaupt.
Während so die beiden großen Kulturelemente, die aus der
Geschichte der Mittelmeervölker in die germanisch-romanische
Entwickelung des Mittelalters übergegangen waren, zu sehr
verschiedener Bedeutung ausreiften, vollzog sich zugleich ein
immer größerer Umschwung in der Übermittlung kultureller
GElemente überhaupt. Hatten die Völker des Mittelmeers nach—
einander geblüht, so stehen die Nationen der westeuropätschen
Völkerfamilie im Verlaufe ihrer Entfaltung der Hauptsache nach
nebeneinander: gemeinsam entwickelten sie sich eben auf der von alt⸗
her vermittelten Grundlage des Christentums und der alten Kultur.
Die Folge ist, daß sie sich ganz anders gegenseitig beeinflussen,
als die alten Völker. Je weiter sie ihre Kulturinteressen ziehen,
je höher ihr gegenseitiger Verkehr anschwillt, um so mehr kommt
es zu wechselsweiser Einwirkung, um so mehr muß gegenüber
den Weltherrschaften der alten Zeit von dem Wandern eines
labilen Höhepunktes der Kultur wie der politischen Obmacht,
von der idealen Forderung eines gegenseitig gewährleisteten
Gleichgewichts der Civilisation und der äußeren Macht ge⸗
sprochen werden.
Es versteht sich, daß für den Verlauf dieser Entwickelung
der Augenblick, wo die ersten Regungen allgemeiner Geldwirt—
schaft einen stärkeren gegenseitigen Austausch gestatteten, von
ausschlaggebender Wichtigkeit gewesen sein muß. Er trat mit
dem 12. Jahrhundert ein, und er gab alsbald derjenigen Nation,
die sich auf dem bestangebauten Kulturboden des alten Römer—
nssing, Erziehung und Jugendunterricht bei den Griechen und
Römern, S. 176.