Entwickelung und Wesen der ritterlichen Gesellschaft. 187
tum hat sie im Investiturstreit das Kaisertum halb überwunden:
zum erstenmal siegten damals romanische Ideen über die Ent—⸗
faltung deutscher Macht.
Von diefem Zeitpunkt an ist das geistige Übergewicht
Frankreichs im Steigen. Nun wird Paris das Ziel deutscher
Studenten, und sein Einfluß wächst um so mehr, je mehr auf
kirchlich-religiösem Gebiete allein unter den Franzosen philo—
sophisches Denken erwacht. Aber auch eine neue Frömmigkeit,
die Mystik Bernards von Clairvaux, erhebt sich in Frankreich;
wir kennen schon ihre außerordentliche Bedeutung für die deutschen
Geschicken. Und mit den frommen wie den gelehrten Strömungen
dringt eine Fülle anders gearteter Kulturelemente von Westen her
in Deutschland ein; die Kunst wird in Architektur wie Malerei
befruchtet, die üppig-frivole Poesie der Vaganten darf sich auch
für Deutschland wohl französischer Anfänge rühmen, und nicht
minder folgt die ernste Predigt lang französischem Vorbild.
In diese Zusammenhänge reiht sich nun der gesellschaftliche
und geistige Einfluß ein, den vor allem die führenden Schichten
unserer Laienwelt, die Angehörigen der ritterlichen und höfischen
Gesellschaft, im Verlaufe des 12. Jahrhunderts in immer steigendem
Maße von Frankreich her in sich aufnahmen — um so leichter
aufnahmen, als sie ihn nicht für autochthon französisch hielten,
sondern für im Grunde klassisch: nach dem Gedichte „Moriz
von Craon“ ist das Ritterwesen von den Griechen auf die
Römer gebracht worden, unter Nero verfallen, und unter den
Franzosen nur am ehesten wieder emporgeblüht.
Gesellschaftliche Einflüsse von Frankreich her machten sich
schon früh geltend; schon unter Kaiser Heinrich III. klagte man
darüber?. Doch waren sie vielfach durch bestimmte Umstände
und Persönlichkeiten vermittelt, unter Heinrich z. B. zumeist
durch dessen Gemahlin Agnes von Poitiers. Anders ward das
mit den Kreuzzügen. Ungeheuren Völkerwogen gleich, die von
S. Band I S. 861ff.
2 Bgl. Abt Siegfried von Gorze bei Giesebrecht, Deutsche Kaiserzeit
Bd. 2, Dokumente Nr. 10, 1048.