188 Neuntes Buch. Zweites Kapitel.
den Küsten des westlichen Meeres, von England und vornehmlich
Frankreich her hoch sich erhoben, um im Laufe ihres Weges immer
mehr ermattend zum Orient, zum Ziele schließlich nur schwach
zu gelangen, hatten die Kreuzzüge kulturell in mancher Hinsicht
mehr Einfluß auf die östlichen Länder des Abendlandes, denn
auf das Morgenland selbst. Nach Deutschland brachten sie, vor
allem während der engen Berührungen des zweiten Kreuzzuges,
zum erstenmal die volle Anschauung des in Frankreich mittler⸗
weile entwickelten ritterlichen Ideales und damit den Gedanken
der ritterlichen Gesellschaft.
Neben den aufrüttelnden Ereignissen der Kreuzzüge aber
wirkten weitaus erfolgreicher die stillen Einflüsse des Alltags,
wie sie sich jahraus, jahrein unter steigendem Verkehr immer
weiter über die Grenzen deutschen und französischen Wesens
ergossen. Im Süden war es die provencalische Dichtkunst, die
ihren Weg nach Deutschland fand, mit ihr verbunden vielleicht
auch mehr oder minder klare Anschauungen über die gesellschaft—
liche Stellung der südfranzösischen Dame und deren Einfluß;
nicht bloß ein Rudolf von Fenis (um 1190) hat in der Schweiz
nach provençalischem Vorbild gedichtet, auch Friedrich von
Hausen (7 1190) und der Pfälzer Ulrich von Gutenburg (um
1190) sowie der Thüringer Heinrich von Morungen (um 1210)
und Heinrich von Veldeke in seinen lyrischen Dichtungen sind
von Provençalen abhängig, und Reimar von Hagenau trug
wohl vom Elsaß her die Kunst der Trobadors, wenn auch in
freierer Weise, schon um 1190 bis nach Osterreich. Indes diese
Einwirkungen erscheinen doch trotz allem an bestimmte Zeiten
und Persönlichkeiten gebunden; vielleicht, daß eine ihrer frühen
Vermittlerinnen in Beatrix von Burgund, der Gemahlin Kaiser
Friedrichs J., zu suchen ist; und jedenfalls äußern sie sich erst
spät und ohne weittragende Folgen.
Auch von der Champagne und Lothringen her ist franzö⸗
sischer Einfluß nur verstreut und gelegentlich nach Deutschland
gedrungen. Zwar werden vom Moselthale aus seit Beginn
des 12. Jahrhunderts engere Beziehungen zum wallonischen