Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

—190 Neuntes Buch. Zweites Kapitel. 
ehe es deutsche Bearbeitungen gab, war schon der karlingische 
Sagenkreis am Niederrhein bekannt!, und wohl schon vor der 
Mitte des 12. Jahrhunderts beginnt die nordfranzösische Littera⸗ 
tur von den deutsch-volkstümlichen Überlieferungen an Maas 
und Niederrhein zu zehren: die Sage vom Schwanenritter, die 
Erzählung von den Vier Heemskindern werden bearbeitet. 
Mittel- und Treffpunkte der französisch-deutschen Beziehungen 
mußten naturgemäß Flandern und Brabant sein, die zentralen 
Länder des Gebietes, Flandern selbst politisch aus deutschen 
und französischen Bestandteilen zusammengesetzt, ein Mikrokosmos 
gleichsam des gesamten Landes zwischen Rhein und Seine. In 
der That ging hier Französisch und Deutsch schon im 12. und 
13. Jahrhundert fast nicht minder durcheinander, wie heutzu— 
tage; in einer Überlieferung dieser Zeit finden sich die lateinisch— 
französisch-deutschen Verse: 
Ego amo vos boven all die leven, 
Quant il voux plara, sald y my trost geven? 
Dementsprechend lebten am Brabanter und am Flandrischen Hofe 
in vlaemischer Umgebung schon früh französische Jongleurs; 
ihnen hat gegen Ende des 12. Jahrhunderts sogar Christian von 
Troyes angehört, und Herzog Heinrich III. von Brabant dichtete 
später selbst französische wie vlaemische Lieder?. 
In dieser gegenseitigen Durchdringung französischer und 
deutscher Kultur erhielten wohl spätestens seit Mitte des 
12. Jahrhunderts die Franzosen das Übergewicht. Ihr gesell— 
schaftlicher und geistiger Vorsprung war so bedeutend, daß es 
die deutschen Niederlande zur Entfaltung einer eignen ritterlichen 
Kultur kaum brachten; erst Maarlant, der seit etwa 1260 dichtete, 
hat eine eigene niederländische Litteratur begründet; alle vor 
ihm dichtenden Flandrer, Brabanter, Holländer sind nur Über— 
setzer der Franzosen. 
Und von den Niederlanden drang nun der französische Ein 
fluß unaufhaltsam in die Herzgebiete Deutschlands. 
VBgl. Müllenhoff in Zeitschr. für Deutsches Altertum 12, 355 f. 
ꝰ Wackernagel, Altfrz. Lieder und Leiche S. 194, vgl. 184 (Neuen⸗ 
burger Hs.). 
3 Er regierte in den Jahren 1247 -1260.
	        
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