Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

192 Neuntes Buch. Zweites Kapitel. 
Im Gegensatz zu der eifrigen Aufnahme französischer 
Elemente in Süd- und Westdeutschland hielten sich das nörd— 
liche Mitteldeutschland und Niederdeutschland von dieser Rezeption 
unmittelbar fast völlig frei. 
Namentlich war in Sachsen die alte geistige Dis— 
position der Stammeszeit noch lange lebendig geblieben, wie 
ja das Land auch politisch zurückhielt: hier pflegte man die 
politischen und sozialen Voraussetzungen, daraus die Gudrun 
als jüngster Sproß unsres Heldensanges hervorging, hier bewahrte 
man im Gegensatz zur Weiterbildung der Nibelungensage am 
Rhein die altepischen Züge der Vorlagen der Thidrekssaga: 
kein Wunder, wenn der volkstümlichen Anschauung des Ober— 
deutschen das Volk als wild galt!. Diese geistige Haltung war 
dem Eindringen französischer Sitte und Kultur nicht günstig; 
sogar der aus französischen Quellen gespeisten oberdeutschen 
Litteratur blieb man lange Zeit fern; noch Herzog Wilhelm 
von Lüneburg (1210-1212) ließ sich Hartmanns Gregorius 
in lateinische Verse übertragen, um ihn genießen zu können, und erst 
der niederdeutsche Ritter Bertold von Holle (nach der Mitte 
des 13. Jahrhunderts) dichtete unter hochdeutsch-französischer 
Einwirkung. Im übrigen aber herrschten nach wie vor die alt— 
einheimischen Fahrenden mit ihren Sagliedern und ihrer Dichtung 
volkstümlicher Sprüche. 
Dieser Entwickelung that es keinen Eintrag, wenn am Hofe 
der Welfen und der Thüringer Landgrafen schon früh Dichter 
lebten, die zunächst auf dem Gebiete der Abenteuerromane, 
dann auch auf dem der Lyrik französischem Vorbild folgten. 
Es blieben das verstreut dastehende Vorgänge, wie am Rhein 
die Anwesenheit Guiots von Provins und Doetes von Troyes 
auf dem Reichsfest des Jahres 1184, oder wie die Überreichung 
des Gedichtes Ille et Galeron durch Gautier von Arras an die 
Kaiserin Beatrix?: nicht um einige persönliche Beziehungen 
Vgl. Gudrun 1502. 
Nach neueren Forschungen wohl bald nach 1167, vgl. Förster, 
Roman. Bibliothek VII S. XI. Für etwa 1180 tritt Settegast im Litt. 
Centralblatt 1892 Sp. 649 ein.
	        
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