Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Eutwickelung und Wesen der ritterlichen Gesellschaft. 193 
—VDV00— 
allgemeine soziale Aufnahme des höfischen und ritterlichen 
Ideales der Franzosen — und diese trat zunächst nur in Westen, 
Süden und Südosten ein. 
Hier macht sich seit spätestens der Mitte des 12. Jahr— 
hunderts das Turnierwesen in französischem Sinne geltend; die 
Sportssprache aller ritterlichen Ubungen wird französisch. Hier 
erwächst auch eine französisch-deutsche Sprache des Luxus und 
der Mode; aus dem Französischen genommen werden die Namen 
der neuen Gewebe, der Kleidung, der Tänze. Hier dichten 
späterhin Ritter und Verehrer der höfischen Gesellschaft unter 
fstärkster Durchsetzung der Sprache mit Ausdrücken des franzö— 
fsischen Wortschatzes für die feineren Beziehungen des Lebens, 
ja selbst mit Gallicismen; und französierende Dichter, wie Gott— 
fried von Straßburg, huldigen dieser Art nicht minder, wie 
deutschdenkende im Sinne Wolframs von Eschenbach. 
Ja die Bezeichnung des neuen Gesellschaftstreibens selbst im 
Gegensatz zu dem alten Leben des landbauenden Adels wird 
dem Französischen entnommen; hövisch und törperlich sind 
nur Übersetzungen der längst ausgeprägten Begriffe courtois 
und vilain, und das Wort Törper verbreitet sich bezeichnender 
Weise vielfach in der westniederdeutschen, wohl vlaemischen 
Form Tölpel zur Charakterisierung der Roheit und Un⸗ 
geschliffenheit vorritterlichen Daseins!. So wurde französisches 
Denken als Daseinsform der höheren Schichten West- und 
Süddeutschlands heimisch; es überwucherte und krönte zugleich 
den hier schon weit gediehenen Sproß einer aus einheimischer 
Kraft entwickelten, bisher rein deutsch charakterisierten höheren 
Gesellschaft. 
IV. 
Es ist nicht leicht zu sagen, was in dem Geistes- und 
Gesellschaftsleben der blühenden Stauferzeit im einzelnen deut⸗ 
Auch ‚Wappen' weist vlaemische Form auf. 
damprecht, Deutsche Geschichte II.
	        
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