212 Neuntes Buch. Drittes Kapitel.
Der einzige große Satiriker dieser Zeit aber, Heinrich von Melk,
ist ein zorniger Kämpe gegen die Stände der Frou Werlt wie
gegen das Pfaffenleben; trefflich gelingt ihm die Persiflage
ihrer konventionellen Sünden; er ist ein sozialer, aber kein
individualistischer Satiriker ersten Ranges. Überhaupt aber
hält sich die Dichtung da, wo sie schöpferisch wiedergeben soll,
ganz an das konventionelle Ideal; nicht nach dem Modell schafft
sie, sondern nach der Mode. Darum kennen die höfischen
Charakterschilderungen nur gute Eigenschaften ihrer Helden; diese
sind Wesen, denen in sittlicher Beziehung der „Wunsch“ ward,
keine Abbilder, sondern Vorbilder, keine Menschen dieser, sondern
einer konventionell-idealen Welt. Und glücklich, wenn die
Schilderung so tief noch eingeht! Oft bescheidet sich die
Charakteristik mit der ausführlichen Darstellung des Kostüms
oder verrinnt in sonst welche, freilich liebevoll gezeichnete Außer—
lichkeiten.
Die bildende Kunst aber gestaltet gleichsam nur dimensional,
was die Dichtung vorführt. Sehen wir davon ab, daß sie
ovielfach mit dem immer noch nicht verlorenen Schatze alter
Symbolik der Bewegungen wirkt, so geht sie völlig auf in der
stets erneuten Reproduktion eines feststehenden konventionellen
Schönheitsideals. Da erscheinen immer wieder dieselben weichen,
halb gelenklosen Körperformen, derselbe blühende Leib, dieselben
vollen Schenkel, dieselben hohlen Füße, die gleichen runden
Köpfe voll zärtlichen Liebreizes mit schmachtenden, sinnlich—
feuchten Augen, mit vollen Wangen und Minne lächelndem
Munde, umspielt von den Wogen reich fließenden Haupthaars.
Gleich dem gesellschaftlichen Ideal und der Mode der Zeit ist
dieser Schönheitstyp wesentlich jugendlich-weiblich empfunden,
weibliche Gestalten gelingen am besten; nicht streng, nicht tief
und hehr ist diese Kunst, sondern anmutig, einladend, reizend.
Nicht umsonst ist sie besonders glücklich in der Darstellung von
schwebenden Figuren, namentlich Engeln — der konventionelle
Zug ihrer graziösen Stilistik hebt alle Bedenken auf, die einer
realistischen Kunst für die Beflügelung flügelloser Wesen ent⸗
gegentreten.