Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Einleitung. 
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Herkunft erheischen. So kommt es zum regelmäßigen Binnen⸗ 
berkehr: die alte Isolierung der Einzelwirtschaften wird durch⸗ 
brochen: ein Handel entsteht und mit ihm das Geld als allgemeines 
Werkzeug des Tausches. Und neben den Handel tritt zur Befrie⸗ 
digung der neuen Bedürfnisse das Gewerbe: zum erstenmal beginnt 
das Volk in Schichten verschiedener Berufsbildung zu zerfallen. 
Es sind die Anfänge der Geldwirtschaft gegenüber der Natural— 
wirtschaft der mittelalterlichen Zeit; sobald sie zur Ebenmacht 
oder gar zum Übergewicht der geldwirtschaftlichen Entwickelung 
gegenüber den vorhandenen agrarischen Wirtschaftsmächten ge— 
führt haben, beginnt auch sozial das neue Zeitalter. Der 
stteigende Verkehr führt zu einer bisher völlig ungeahnten Be— 
wegungsfreiheit der Individuen; die alten, räumlich geschlossenen 
Genossenschaften des Landes werden von ihm durchbrochen; nicht 
mehr ihre lokale Gebundenheit, sondern die vom Räumlichen 
oöllig absehende Verschiedenheit des Berufs wird zum sozialen 
Fermente der Nation. Und alsbald zeigen sich die Folgen dieser 
sozialen Verschiebung auf geistigem Gebiete. Dahin fällt die 
bisher gebundene ästhetische Anschauung; die Dichtung dringt 
zum Drama und zur Satire vor und damit zu den Anfängen 
individualistischer Wiedergabe und Kritik der sinnlichen Welt; 
die Kunst erringt in immer höherem Maße die Kraft realistischer 
Auffassung und Schilderung; das Denken schreitet zur wahrhaft 
wissenschaftlichen Bewältigung der Außenwelt fort und stellt die 
Meditation über die höchsten Fragen, über das Verhältnis von 
Gott Welt und Mensch, der Verantwortlichkeit, dem Gewissen 
des Einzelnen anheim. Der Individualismus erwacht; langsam, 
aus immer tieferem Eindringen in die Welt, aus immer festerer 
Herrschaft über sie, wird die moderne Persönlichkeit geboren. 
Umschreiben die soeben gegebenen Andeutungen im wesent⸗ 
lichen den abstrakten Typus jeder großen nationalen Entwickelung, 
soweit diese unbeeinflußt betrachtet werden darf von den Einwir⸗ 
kungen weltgeschichtlich bedingter Rezeptionen und Renaissancen, so 
wird es sich an dieser Stelle empfehlen, Umschau zu halten im 
Bereiche der deutschen Entwickelung und die Frage aufzuwerfen, 
in welches Stadium typischen Werdens denn das deutsche Volk
	        
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