286 Neuntes Buch. Drittes Kapitel.
der Rezeption ist Heinrich von Veldecke, jener Ritter von der
Niedermaas, der nach einigen Legendendichtungen in der Eneit
sein Lebenswerk schuf, einem Abenteuerroman wahrscheinlich
nach dem Roman d'Eneas des Benedikt von Ste. More. Ist er
schon völlig höfisch, aber noch unbeholfen, so ward bald darnach
Hartmann von Aue, ein Dienstmann der schwäbischen Herren
oon Aue, zum vollendeten Typus des höfischen Epikers. Weit
steht er in seinen Ritterromanen Erec und Iwein wie in den
frommen Erzählungen von Gregorius und dem armen Heinrich
über seinen Vorgängern an Anmut der Darstellung, an Klarheit
der Sprache, an Reinheit der Form, und durchsichtig und hell
in seinen Worten lebt er zugleich einer edlen Auffassung des
ritterlichen Ideales. So wird er zum klassischen Erzähler einer
Periode, da man ganz allgemein gut erzählen konnte, und zum
oollendeten Beherrscher der höfischen Formen in einem Zeitalter
des Konventionalismus.
Eine Steigerung gleichsam der Eigenschaften Hartmanns
kann man im Wesen Gottfrieds von Straßburg finden wollen.
Sein Sprachtalent ist bewundernswürdig bis zum Erstaunlich—
Virtuosen; er handhabt die Sprache nicht bloß meisterhaft, er
kokettiert mit ihr, so wenn er Isolde Weißhand einführt smie—
rende unde lachende, kallende unde kosende, smeichende
unde losende!, und er hat es ebenso verstanden, mit einer
fast sinnfälligen Wortmusik glatte Oberflächlichkeit zu maskieren,
wie wahre Leidenschaft in einer Glut der Darstellung zu schildern,
die heute noch kaum wieder erreicht ist. Er war ferner ein
Meister der Courtoisie noch weit über Hartmann hinaus; er
war interessant und wollüstig modern; er handhabte das Kon—
ventionelle mit Chic. Aber eben hierin liegt auch wieder seine
grundsätzliche Verschiedenheit von Hartmann. Hartmann war
in seiner zuht ganz ein Kind seiner Zeit, Gottfried geht über
sie hinaus; für ihn ist der ritterliche Ton nur Spielzeug eines
fast ungebundenen Subjektivismus. In der wohlig-warmen
Luft der Großstadt, in der er lebte, und nahe den heißblütigen
Tristan 19 246.