Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Einleitung. 
keit und damit die tiefste, auf immer unüberbrückbare Trennung 
vom mittelalterlichen Geiste. 
Das Zeitalter aber, das sich in der Ausdehnung von mehr 
als einem Jahrtausend von den Ausgängen der vorzeitlichen 
Kultur bis zu den Anfängen der modernen Entwickelung er⸗ 
streckt, zeigt in sich wiederum eine scharfe Gliederung in zwei 
Hälften. Der Scheidepunkt liegt eben in der Zeit, bis zu der 
insere Darstellung gelangt ist, in der Mitte etwa des 12. Jahr⸗ 
junderts. 
Vor dieser Zeit herrscht noch die stärkste Gebundenheit des 
geistigen Lebens, wie sie uns auf dem Boden der Kunst am 
klarsten in der nationalen Beschränkung auf das Ornament, 
auf dem Gebiete der Religion nicht minder deutlich in den 
wunderlichen Formen der Frömmigkeit des 10. bis 12. Jahr⸗ 
hunderts entgegengetreten ist: es ist eine Haltung des Geistes, 
die sich nur in typischem Umriß, nicht individuell des geistigen 
Inhalts bemächtigt. Vor dieser Zeit sahen wir ferner die 
NRation wohl aus Völkerschaften zu Stämmen, aus Stämmen 
zu einem Gesamtstaat erwachsen; aber der Gesamtstaat trug 
noch nicht eigentlich nationale Färbung, er beruhte in seiner 
Idee wie in seiner Ausgestaltung noch auf der Aufnahme der 
fremden, aus der hohen Kultur des Römerreiches herüberge—⸗ 
hnommenen Form des Kaisertums: die eigentlich lebendigen 
Körper der Nation waren noch immer die Stämme; die natio— 
nale Einheit war erst äußerlich erworben und ihr Gedanke 
keineswegs tiefster und unveräußerlicher Besitz der Volksseele!. 
Auf wirtschaftlichem Boden endlich standen sich die Einzelwirt⸗ 
schaften der Bauern und der Großgrundherren noch unvermittelt 
— D jede Großgrundherrschaft 
hildete mehr oder minder einen für sich abgeschlossenen Kreis, 
einen kleinen Staat für sich, dessen Bereich die Schicksale der 
Eingesessenen unverbrüchlich umfaßte: noch verlief die soziale 
Schichtung ganz in den engen Verfassungsformen reiner Natural⸗ 
wirtschaft. 
Vgl. Bd. LS. 11ff.
	        
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