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Neuntes Buch. Drittes LKapitel.
Sinne einfachen Austuschens, wobei höchstens die Schatten durch
sattere Nüancen des deckenden Tones hervorgehoben werden.
Von hier aber war es nur noch ein Schritt zur Entsaltung
einer neuen, nun nationalen Guachemalerei im Gegensatz zum
Wiederaufleben der altchristlichen Waschfarbentechnik im 8. und
10. Jahrhundert. Voll und fertig erscheint die neue Technik
im 18. Jahrhundert; als ihr Erzeugnis entwickelt sich eine neue
Miniatur höherer Gattung. Und nun wird auch schon ein
Farbensinn gewonnen, der den Gegenständen die ihnen natürlich
zukommenden Farbenwerte zuteilt, und nur noch im Modellieren
zeigt sich ein konventionelles Schema der Überführung von Rot
in grünes, von Dunkelblau in komplementär gelbes Licht: doch
findet sich daneben auch schon vereinzelt die Modellierung ins
Weiße.
Es sind Fortschritte, die sich zugleich in einer Anderung
des nationalen Farbengeschmackes äußern. An Stelle der alten
ungebrochenen Töne, wie sie einer Palette ornamentalen Ge⸗
schmackes entsprechen, tauchen etwa gegen Mitte des 18. Jahr⸗
hunderts gebrochene Töne, namentlich für Blau und Rot auf,
während ein bis dahin beliebtes giftiges Grün nunmehr ver⸗
ichwindet. Und der Wechsel im Farbengeschmack steht nicht ver⸗
einzelt da. Er ist nur ein Symptom viel ollgemeineren
Umschwungs.
Die bisher ornamental gebundene Phantasie wirft endgültig
die Fesseln ab; sie ergreift froh und voll einen neuen, kon⸗
oentionellen Formenkanon. Die alte Pflanzenornamentik stirbt
ab; ihre besten Erzeugnisse nehmen krautartige Gestalt und halb
naturalistische Färbung an. Die Freude an der Wiedergabe
der menschlichen Gestalt wächst stetig; schon bildet man Scenen
auch rein menschlichen, nicht mehr bloß Gestalten religiös ge⸗
bundenen Charakters; Kampf und Jagd werden in den Grenzen
des neuen Stiles meisterlich dargestellt; humorvolle Vorwürfe
aus dem Tagesleben werden gesucht, und schüchtern erscheinen
die ersten Ansätze der Drolerien.
Die neue Kunst, zunächst in Süddeutschland, besonders auch