Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Geistige Kultur der Stauferzeit. 248 
im Elsaß!, sowie in den Moselgegenden hervorragend gepflegt, 
berbreitete sich in der späteren Stauferzeit vornehmlich nach 
Mitteldeutschland, nach Franken, Thüringen und auch nördlich 
des Harzes. Hier vor allem hat sie in Bamberg und in Mainz, 
am Hofe der sangliebenden Thüringer Landgrafen und in den 
braunschweigischen Klöstern zur Zeit Kaiser Friedrichs II. 
geblüht, und an ihre weitere Entwickelung knüpfte sich bald 
die Entstehung der Tafelmalerei, der führenden Kunst in der 
zweiten Hälfte des Mittelalters. 
Rückwärts gewandt aber beseitigte sie in ihrer lebensfrischen 
Entwickelung die Alleinherrschaft jener hieratischen Kunst, welche 
die früheren Renaissancen geschaffen und hinterlassen hatten. 
Von Bedeutung hierfür ist schon, daß die Künstler der neuen 
Technik anscheinend wenigstens teilweis Laien gewesen sind und 
jedenfalls laienhaft empfunden und als Dilettanten anfangs ge— 
schaffen haben. Wichtiger ist, daß die neue Kunst überhaupt die 
erste Kunst nationaler Scenenmalerei war und die volkstümlich— 
ästhetische Anschauung zum erstenmal emporgehoben zeigte 
über ornamentale Auffassung: womit der hieratischen Malerei, 
die bisher die scenischen Darstellungen beherrscht hatte, von 
selbst der Boden entzogen ward. 
Dieser Wandlung fiel die ältere Miniaturmalerei ihrem 
inneren Bestande nach zum Opfer; an ihre Stelle trat die neue, 
nationale Miniatur; was noch als lebensfähig aus der älteren 
Miniatur erkannt ward, ging in ihr auf. Aber auch die Wand— 
malerei der früheren Jahrhunderte unterlag jetzt starker Beein— 
lussung. Wandellos fast und starr, einer Bilderschrift der 
heiligen Texte ähnlich, durch ineinander übergehende Einzel— 
darstellungen ganze Erzählungen in ihren einzelnen Situationen, 
zanze Dogmen in ihren begrifflichen Teilvorstellungen umfassend, 
hatte sie die Jahrhunderte überdauert: mögen wir die Mosaiken 
Ihm entstammt im Hortus deliciarum der Herrad von Lands— 
derg eines der anmutigsten, aber teilweis noch anderweits beeinflußten, 
eilweis noch unbeholfenen Denkmäler der Frühzeit (e. 1165—1175). 
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