Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

246 Nenntes Buch. Drittes Kapitel. 
ventioneller Kunst. Der romanische Baustil, jetzt völlig empor— 
dringend und plastischem Schmucke sich öffnend, leitete die 
oorhandene Erzbildnerei zu größeren Aufgaben und zu den 
neuen Stoffen des Sandsteins und des Stuckes über, ohne ihr 
doch allzustrenge tektonische Stilforderungen aufzudrängen: nicht 
die Magd der Architektur sollte die Plastik werden, wie später 
in gotischer Zeit, sondern die freie Genossin eines immer male— 
rischer gestalteten Baustils. So entstand vor allem in Thü— 
ringen, dem Herzland des neuen Aufschwungs, eine Reihe 
herrlicher konventionell-plastischer Denkmäler, die sich nur noch 
durch den Modefaltenwurf der ritterlichen Zeit wie teilweis 
durch das unverstandene Lächeln jeder archaischen Kunst als 
Erzeugnisse gerade ihres Zeitalters kundgeben, und neben ihnen, 
ie überholend, trat eine Anzahl von Gebilden hervor, die in 
jedem Betracht weit über das mittelalterliche Maß hinausragen: 
die Naumburger Donatoren, die Wechselburger Skulpturen, die 
drei herrlichen Bildwerke des Meißner Domes. Sie alle zeichnen 
sich aus durch genaues Studium nach der Natur, durch klassische 
Ruhe der Auffassung, durch kräftige Gebundenheit eines voll 
pulsierenden Lebens. Übertroffen aber werden auch sie noch von 
der Sibylle zu Bamberg. Tritt man aus der Krypta des 
Bamberger Doms, von dem Hochgrab König Konrads III. her 
in das südliche Seitenschiff des Ostchors, so hebt sich von den 
umgebenden Skulpturen mit ihrem schwulstigen Faltenwerk das 
edle Steinbild ab in seinem reich fallenden Gewand von klassi⸗ 
scher Haltung, mit dem lebensvoll aufschauenden Antlitz und 
dem stolzen, stark aufgebauten Halse: die wunderbarste Ver— 
mählung eines schon naturalistischen Hauches mit dem geistigen 
Gehalt der staufischen Zeiten!. 
Es war ein Höhepunkt der Entwickelung, der nur besonderen 
In Bamberg ist keine Photographie der Sihylle, in Naumburg sind 
nur schlechte Abbildungen der Donatoren käuflich. Die glotzäugigen Gestalten 
der Agineten weist jedes Museum auf, zahlreiche Gipsabgüsse unserer 
großen mittelalterlichen Plastik sucht man fast überall vergebens. Wie lange 
noch wird in unserm Volke die selbstmörderische Mißachtung eigner Größe 
währen? (Anmerkung der ersten Auflage vom J. 1893)
	        
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