Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

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kein Bauer auf der Erde lebe so grob, der nicht ein Sänger 
sein wolle. 
Das Schicksal der ritterlichen Epik ist dem des Minne— 
sangs nahe verwandt: wie der Minnedienst zu Grunde ging, 
so verblaßte auch das Heldenideal des Rittertums: wer hätte 
da noch Aventiuren lesen und schaffen wollen? Immer geringer 
wurde die Anzahl dichtender Epigonen, die nach den großen 
Vorbildern bald Gottfrieds von Straßburg, bald Wolframs 
von Eschenbach für neue und alte Romanstoffe jenen leichten 
Erzählerton beizubehalten suchten, dessen erster Meister Hart— 
mann von Aue gewesen war. Und immer weniger vermochten 
sie die vornehme Höhe der Blütezeit festzuhalten; ihre Fein— 
heit ward zur Tändelei und ihre geistige Wucht zu dunkler 
Geschraubtheit. Kam es auch in Niederdeutschland und in den 
Kolonialländern noch zu einer geringen Nachblüte im alten 
Sinne, so begann doch der Gesang hoher Abenteuer an den 
Hauptstätten der Dichtung schon um die Mitte des 18. Jahr— 
hunderts zu versiegen; wenigstens das Publikum wollte nur noch 
Volkstümliches hören. In den zwanziger Jahren des 13. Jahr⸗ 
hunderts noch hatte der liebenswürdige Cisterzienser-Novizen⸗ 
meister Cäsarius zu Heisterbach im Siebengebirge, der Verfasser 
köstlicher geistlicher Novellen, alle Schläfer während seiner Pre— 
digt zum Erwachen bringen können durch die bloße Nennung 
des Königs Artus und seiner Tafelrunde; um 1250 trug der 
Marner vergeblich höfische Epen vor, man wollte nur noch hören, 
vwen RKriembilt verriet, Sifrides ald hern Eggen tot. 
Und wie sich neben dem Zug aufs Volkstümliche in der 
dyrik zugleich eine Neigung zum Parodistischen, Burlesken gel⸗ 
tend gemacht hatte, so trat neben das höfische Epos der 
Schwank, die Erzählung lustiger Streiche und neckischer Ein⸗ 
fälle. Es war recht eigentlich eine Dichtungsform der Fahrenden; 
zurch ihren Ausbau tauchten sie von neuem zur Oberfläche der 
litterarischen Strömungen empor, und je länger, um so drolliger, 
aber auch roher pflegten sie das neue Feld. Neben einheimischen 
Quellen zogen sie dazu die französischen Fabliaur und die 
lateinischen Überlieferungen heran; manches ward auch frei er— 
Geistige Kultur der Stauferzeit.
	        
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