304 Zehntes Buch. Erstes Kapitel.
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dieser Vorgänge. Denn nicht bloß eine Kolonisation des Ostens
haben die Zeiten der Staufer gesehen; ihr zuvor und noch
parallel ging eine innere Kolonisation auch jenes äußersten
Westens, der schon im Begriff war, sich dem deutschen Reichs—
verbande des Mittelalters völlig zu entziehen, Flanderns vor—⸗
nehmlich und Hollands: und eben sie ist für das Deutschtum
überhaupt und namentlich auch für die Gewinnung der Länder
im Osten von außerordentlicher Wirkung gewesen.
II.
In dem Herzogtum Niederlothringen, das seit dem Jahre
959 als selbständiger Teil des bisher vorhandenen lothringischen
Gesamtherzogtums die Niederlande an Rhein und Maas mit
Ausnahme Flanderns umfaßte, hatte sich bald eine Reihe größerer,
mehr oder minder selbständiger Territorien herausgebildet:
an der Maas und jenseits des Flusses die Grafschaft Namur
und das Bistum Lüttich, das Herzogtum Limburg, die Graf—⸗
schaft Looz und die Grafschaft Geldern, und ihnen westlich vor—
gelagert zwischen Schelde und Maas die Grafschaft Hennegau,
seit Mitte des 11. Jahrhunderts zumeist mit Flandern ver⸗
bunden, und das Herzogtum Brabant. Sie alle waren bei stets
zunehmender Schwäche der Reichsgewalt in um so heftigeren
Fehden untereinander begriffen, bis schließlich die Herzöge von
Brabant, hervorgegangen aus dem alten Geschlechte der Grafen
von Löwen, im Laufe des 12. Jahrhunderts zu den einflußreichsten
Landesfürsten und zu bevorzugten Trägern der alten nieder—
lothringischen Herzogsgewalt erstarkten. Das entscheidende Er⸗
eignis dafür war der Verzicht der Herzöge von Limburg auf einen
fast drei Generationen überdauernden Wettbewerb um die Herzogs—
rechte, wie er sich in der Thatsache aussprach, daß der Herzog von
Limburg im Jahre 1191 den größten Teil seines Landes als
Lehen an Brabant auftrug. Ungefähr ein Jahrhundert später
ist dann das Herzogtum Limburg völlig an Brabant gefallen,