Sonderbildungen des deutschen Wesens in Flandern und Holland. 309
Nährboden bürgerlichen Lebens; sogar zu förmlichen Stadt—
gründungen neben Burgen schritt man schließlich fort, so in
Geeraardsbergen (Gramont) im Jahre 1068.
Es war eine Bewegung auf zunächst industrieller Grund⸗
lage; ihr Güteraustausch gewann noch nicht das Meer, ihre
großen Märkte waren noch nicht die Hafenstädte, sondern die
Centren des Binnenlandes; die berühmteste Messe dieser Zeit
ist die zu Thorhout, im Flachlande zwischen Ostende und
Jeperen. Aber bald knüpfte sich an den Aufschwung nament—
lich der Weberei doch ein Ausfuhrhandel; er suchte die Messen
der Champagne, überhaupt das centrale Frankreich auf, er drang
den Rhein empor bis weit über die Zollstätte von Koblenz,
auch die Einfuhr von Rohmaterial, von Wolle aus England,
war damit anscheinend schon verbunden. Darüber hinweg aber
zu einem Vermittelungshandel fremder Erzeugnisse kam es doch
wohl erst mit Beginn des 12. Jahrhunderts: erst seit dieser
Zeit tritt der Handel somit ebenbürtig, ja bald überragend
neben die Industrie und führt die großen Zeiten Flanderns herauf.
Um die Wende des ersten und zweiten Viertels im 12. Jahr⸗
hundert finden sich die ersten Italiener in Jeperen. Nicht lange
und es treten zu ihnen Engländer und Franzosen, Spanier und
Portugiesen. Und während so die Beziehungen in die Ferne
wachsen, suchen die kapitalkräftigen Kaufleute der größesten
flandrischen Städte schon den näheren, besonders fruchtbringen⸗
den Handel nach England und zum französischen Norden zu
monopolisieren: Brügge tritt an die Spitze einer flandrischen
Hanse: die thunlichste Beherrschung des Lokalhandels im Ärmel—⸗
kanal verbindet sich mit der Aufnahme internationaler Be—
ziehungen zum Mittelmeere, zum Morgenland.
In diesem Augenblicke, etwa im dritten Viertel des 12. Jahr⸗
hunderts, sind die Landesherren Flanderns, die Grafen, dem Auf—⸗
schwung ihrer Städte aufs hilfsreichste beigesprungen. Sie be—
festigten den Grundsatz voller Handelsfreiheit aller Nationen in den
flandrischen Häfen; und namentlich gegenüber dem deutschen Reiche
gelang es ihnen, die persönlich freie Bewegung der vlaemischen