Sonderbildungen des deutschen Wesens in Flandern und Holland. 311
allem das Meer jetzt gewonnen; und Brügge, am damals noch
schiffbaren Meerarm des Zwin, der alten Sinefala des friesischen
Rechtes gelegen, die einzige unter den alten Großstädten des
Landes, deren Türme man vom Meere zu erblicken vermag,
erblühte nunmehr zu einzigem Reichtum. Und als die Dünen
und Deiche, die den Zwin zwischen Kadzand und Brügge
begrenzten, durch die furchtbare Flut des Jahres 1180 zerstört
worden waren, da ward dies Ereignis, weit entfernt zu ent⸗
mutigen, Anlaß zu einer glänzenden Neuordnung der Schiff—
fahrt bis Brügge. Tausende von friesischen und hollän—
dischen Arbeitern wurden gedungen, die Strandbefestigungen
glänzender zu erneuen:
..... tra Gazzante e Bruggia
Temendo il fiotto che inver lo s'avventa
Fanno lo schermo, perchè “ mar si fuggia!.
Und nicht weit nördlich von Brügge, da wo der Zwin sich zu
schmalem kanalisiertem Wasserlauf verengt, ward Damme als
Hafen der Großstadt angelegt, bald das belebteste Emporium
Flanderns, ja Nordeuropas. Sein Bassin war so ausgedehnt
und sicher, sagt Wilhelm der Brite um das Jahr 1213, daß
es alle Schiffe aufnahm. Daran lag eine herrliche Burg, die
sich in den friedlichen Wassern des Kanals nach Brügge spiegelte,
stolz auf ihre fruchtbare Umgebung, die Nachbarschaft des
Meeres und die glückliche Lage. Da sah man Reichtümer
von aller Welt herbeigebracht, in Mengen über alles Erwarten:
Gold und Silber, Webstoffe aus Syrien, China und den
Cycladen, mannigfache Pelzwaren aus Ungarn, echt Scharlach,
Weine aus der Gascogne und von Rochelle, Eisen und sonstige
Metalle, Tuche und andere Waren, die Flandern und England
zur Ausfuhr hier angehäuft hatten. Jetzt ist Damme ein stilles
Dorf; traurig sehen die schlecht erhaltenen Reste eines un⸗
vollendeten Doms ins Land, in den umfangreichen Sälen
des alten Stadthauses suchen Hühner nach Körnern, welche die
Verwendung der Säle zu Speichern übrig gelassen hat; Entengries
Dante Inferno XV, 4-6.