Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Sonderbildungen des dentschen Wesens in Flandern und Holland. 318 
alten Gauverwaltung rasch eine neue Verwaltung nach den 
militärischen Bezirken der Burgwarte. Das Land zerfiel nun 
in landesherrliche Burggrafschaften (Chatellenien, Kastelrijen); und 
als deren Burggrafen erblich zu werden begannen, zweigten die 
Grafen frühzeitig genug (schon unter Balduin VI., 1007 bis 1070) 
die richterliche Thätigkeit von ihren Befugnissen ab und übertrugen 
diese neuen Beamten, den Criekhouders oder Baillis: es ist der 
erste Ursprung der später in ganz England und Frankreich, 
Spanien und Italien, ja auch in Holland und schließlich vielfach 
im Reiche in verwandter Weise entwickelten Trennung. So war 
die Gerichtsverwaltung für die Grafen gerettet, und auch die 
militärische und allgemeine Landesverwaltung wußten sie im 
12. Jahrhundert in straffer Weise von neuem zu festigen. 
Die Macht aber, die sie derart vom 10. zum 12. Jahr⸗ 
hundert besaßen, stellten sie vor allem in den Dienst der bürger⸗ 
lichen, ihnen finanziell überaus günstigen Entwickelung. Nirgends 
fast auf deutschem Boden wurden so früh Friedensgesetze erlassen 
und Verbote des Waffentragens durchgeführt, als in Flandern; 
von dem Tage von Oudenaarde (10380) laufen ununterbrochen 
Friedensversammlungen durch mehrere Jahrhunderte, und der 
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grafen erhielt wegen seiner blutigen Gerechtigkeitsliebe und 
seiner eisernen Sorge für Frieden den Namen Boudewijn 
Hapkin, Balduinus Securicula. 
Nach seinem Tode aber im Jahre 1119 traten mit der 
Unsicherheit der Erbfolge zum erstenmal die sozialen Klüfte der 
inneren Entwickelung zu Tage: der Adel des Landes begann 
sich des raschen Wachsens der städtischen Interessen zu erwehren. 
Das Opfer dieser Bewegung ward Graf Karl der Gute, der 
Bürgerfreund. Er starb im Jahre 1126 im Münster von 
St. Salvator zu Brügge, ermordet von wüsten Gesellen einer Adels⸗ 
verschwörung, ein Märtyrer der städtischen Entwickelung und ein 
Heiliger der Kirche zugleich: noch jetzt werden seine Reliquien 
dem verehrenden Volke im Brügger Münster gezeigt; bis zum 
Ende des vorigen Jahrhunderts noch ward das Anathem gegen 
seine Mörder alljährlich von städtischen Priestern feierlich ver⸗
	        
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