Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

314 J Zehntes Buch. Erstes Kapitel. 
kündet, und über hundertfünfzig Adlige fielen nach seinem Tode 
der Wut der bürgerlichen Unterthanen zum Opfer. 
An die Wahl und Einweisung seines Nachfolgers aber 
knüpfte sich das erste politische, sofort von durchschlagendem 
Erfolge begleitete Auftreten der Städte: die Elsässer Grafenlinie, 
die nach kurzem Intermezzo auf Karl den Guten folgte, ver— 
dankte ihre Herrschaft durchaus den Bürgern. 
So war es nur natürlich, wenn die Grafen Dietrich und 
Philipp in ihren Regierungen (1128 - 1168 -1191) die städtische 
Entwickelung in jeder Hinsicht begünstigten. Nun gesellte sich der 
Handel zur Industrie, nun entstanden die reichen Patrizier⸗ 
familien der Poorters, nun ging die Handhabung der Rechts— 
sprechung in den Städten an die Bürger über, und an die 
Stelle des alten geschworenen Rates trat überall das auf Lebens⸗ 
zeit gewählte, sich selbst ergänzende Schöffenkollegium der 
Poorters als Gerichtsbehörde und als aristokratisch regierender 
Stadtrat. 
Aber nur wenige Generationen dauerte es, und neben den 
aristokratischen Schichten der Altbürger begannen gerade in den 
Großstädten die unteren bürgerlichen Klassen emporzudrängen. 
Gent, gegenüber dem handeltreibenden Brügge die Stadt vor⸗ 
wiegender Industrie, übernahm hier die Führung; schon im 
Jahre 1164 stehen die Leinen- und Wollenweber, Fischer und 
Fleischer gegen die Schöffen auf, und im Jahre 1192 wiederholt 
sich der Aufruhr. Nur eine weise Beschränkung des alten 
Geschlechterregimentes der Poorters konnte hier retten. Sie 
durchgeführt zu haben ist der Ruhm zweier Frauen, der 
Gräfinnen Johanna (1211-1244) und Margareta (1244 bis 
1278). Während sie einerseits durch klugen Erwerb abhanden 
gekommener Grafenrechte die eigene Gewalt von neuem stärkten 
und sie in einer festeren Verwaltung ausbauten, führten sie anderer— 
seits die jährlich wechselnde Besetzung der Schöffenkollegien 
durch und brachen dadurch die einseitige Herrschaft der Poorters zu 
vernünftigerer Bethätigung. Es ist eine Politik, die das ganze 
13. Jahrhundert füllt; doch war in den größten Städten, in 
Jeperen, Gent und Brügge, die Wohlthat des Schöffenwechsels
	        
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