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Zehntes Buch. Erstes Kapitel.
neuen Staatswesens an seinem damals schon wichtigsten Ver—
kehrswege zu hindern; Dirk blieb im Besitze Dordrechts und
von dem Meerforste, der sich jenseits der Merwede bis zur Leek
als bruchiges Waldland fortsetzte, nannten er und seine Nach⸗
ommen sich Grafen von Holland (GHoltland).
Gleichzeitig aber ging Dirk III. auch von seiner Heimat
am Zuiderzee nach Norden hin vor. Das Ziel war hier die
Eroberung Westfrieslands, ja in weiterer Ferne die Herrschaft über
die Gaue auch jenseits des Ausflusses des Zuiderzees bis zu den
Gegenden des linken Emsufers. Auch hier hatte die Eroberung
wohl vor allem handelspolitische Ziele; wie die holländischen Grafen
den Rhein⸗ und Maashandel zu beherrschen suchten durch gleich—
sam kommerzielle Blockade von Tiel und Wiik bij Durstede, so
suchten sie durch Beherrschung des Vlies, des Hauptausflusses
des Zuiderzees zum Meer, Stavoren, den dritten großen alt⸗
friesischen Handelsplatz, in ihre Gewalt zu bringen.
Dirk II. freilich, der im Jahre 1041 starb, hat wahrschein—
lich noch unbewußt die Anfangslinien dieser Politik gezogen.
Und seine Nachfolger hatten mehr als fünf Generationen zu⸗
aächst um die Wahrung des Erworbenen zu kämpfen. Weder
die Kaiser des salischen Hauses, noch vor allem die Bischöfe
von Utrecht erkannten ohne weiteres die Erfolge an, die Dirk III,
der eigentliche Begründer Hollands, erreicht hatte. Bis zum Aus—
gang des 11. Jahrhunderts haben sie immer wieder Versuche
gemacht, die holländischen Grafen aus dem Rheindelta zu ver⸗
treiben; und erreichten sie auch ihr Ziel nicht, so war doch das
Utrechter Bistum, namentlich unter dem kriegerischen und ver—
waltungsgeschickten Bischof Wilhelm (1054 1075), noch kräftig
genug, um der Grafschaft Holland, die nunmehr den Westen des
heutigen Königreichs Holland umfaßte, auch im 12. Jahrhundert noch
als ebenbürtiges Territorium des Ostens gegenüber zu treten.
Der allgemeine Reichszweck aber, den die Kaiser mit ihren
Kämpfen gegen die holländischen Grafen verfolgt hatten, die
Freiheit der Rhein- und Maasmündungen, war inzwischen trotz
ihrer Niederlage auf einem freilich merkwürdigen Umwege we—⸗
nigstens einigermaßen erreicht worden. Die Besetzung des Rhein⸗