Sonderbildungen des deutschen Wesens in Flandern und Holland. 821]
deltas durch Dirk III. hatte alsbald, schon unter Dirk IV.
(1041 - 1049), zu erbitterten Kämpfen mit den Grafen von
Flandern geführt, die ihrerseits einen Einfluß nur der nördlichen
Grafen im Rheindelta, namentlich wann er sich etwa gar auf die
Scheldemündung mit erstreckte, nicht dulden konnten. Diese
Kämpfe führten bei dem ungefähren Gleichgewicht der beiden Par—
teien diesmal wie späterhin zu keiner dauernden Herrschaft einer
der beiden Seiten an der Mündung der großen westdeutschen Flüsse;
fast vier Jahrhunderte hindurch fortgesetzt, haben fie die fast
ununterbrochene Freiheit der Mündung wenigstens für die Maas
und die Schelde, in gewissem Sinne auch für den Rhein in diesen
Zeiten zur Folge gehabt.
Nördlich des Deltas aber machten die holländischen Grafen,
namentlich in der Zeit Lothars, mächtige Fortschritte, da dieser
Kaiser ihnen, wie die sächsischen Fürsten stets im Gegensatz zu
den fränkischen Kaisern, günstig gesinnt war. Sie sicherten sich
Westfriesland, und sie erhielten den friesischen Wester⸗ und
Ostergo nördlich und nordöstlich des Zuiderzees zugewiesen, bis
dahin Utrechter Grafschaften. Diesen Besitz gegen den Wider—
stand der störrischen Einwohner zu sichern, ist dann Aufgabe
der folgenden Grafen gewesen; noch Wilhelm, der deutsche König,
ist im Jahre 1255 an ihr kläglich zu Grunde gegangen, und
erst sein Nachfolger, Floris V., wußte wenigstens Westfriesland
dauernd zu beruhigen.
Wilhelm ist es gewesen, der im Haag, in der Mitte etwa
‚wischen dem Rheindelta und der Heimat seines Geschlechtes
im Kennemerland, jenen Rittersaal erbaute, der noch heute
als ältester Teil der holländischen Königsresidenz erhalten
ist. Er ist ein Symbol gleichsam der Thatsache, daß die
Regierung Wilhelms und noch mehr die seines Nachfolgers weit
zher der inneren Befestigung des Landes, als dem Ruhme großer
äußerer Eroberungen zustrebte. Namentlich Floris muß als der
Begründer eines geschlossenen holländischen Territoriums genannt
werden. Ein Freund vergeistigten Daseins, begünstigte er den
Dichter Maarlant, gab er dem Fortsetzer der egmonder Reim—
Hronik, Melis Stoke, Unterhalt in amtlicher Stellung. So
Lamprecht, Deutsche Geschichte III. 21