Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

378 Zehntes Buch. Drittes Kapitel. 
und Steiermark fast unabhängiger Herr in seinen Landen. 
Selten haben die Kaiser diesen äußersten Winkel besucht; fern 
von ihm fand die Reichspolitik ihre Geleise in den Gegenden 
des Rheines. Ungestört von außen genoß der Herzog des be— 
sonderen Vorzuges ursprünglich markgräflicher, d. h. besonders 
weitreichender, auf der Grundlage ausschließlichen militärischen 
Kommandos beruhender Herrschaftsrechte im Innern. Er sah 
sich im Besitze starker Gewalten über die Kirche; seine Finanzen 
waren reich und übersichtlich geordnet; indem er eine zahlreiche 
Ministerialität und unter dieser noch eine unfreie Ritterschaft 
in häufigem Grenzkampfe um sich sammelte, beherrschte er weithin 
das gesellschaftliche Werden der Bevölkerung. 
So waren schon früh viele Vorbedingungen mannigfacher 
und eigenartiger Entwickelung gegeben. Nachdem sechs Genera— 
tionen von Grundherren und Bauern das Land organisiert und 
geordnet hatten, setzte sie seit etwa Mitte des 12. Jahrhunderts in 
voller Deutlichkeit ein. Die Anfänge der großen mittelalterlichen 
Litteraturperiode erblühen hier in den ersten Liebesliedern; die Volks— 
epen des Zeitalters finden hier ihre Ausprägung in Vers und Reim: 
es sind die spezifisch nationalen Keime des Geisteslebens, die an 
den Ufern der Donau zu besonders reichen Trieben erwachsen]. 
Und als dann die heimische Lyrik und das Volksepos in ganz 
Deutschland von französisch gefärbtem Minnesang und Roman 
abgelöst werden und von ihnen erstickt zu werden drohen, da 
ist es wiederum sterreich, dessen Dichter Einspruch erheben gegen 
die neue Art. Vom österreichischen Hofe geht Walther von der 
Vogelweide aus, der verfeinernde Regenerator volkstümlicher 
Lyrik; vom Salzburgischen her verspottet der derbsinnliche 
Tanhuser die angeblaßten Weisen höfischen Minnesangs; und 
an der Donau zieht Herr Alrich von Lichtenstein, der deutsche 
Don Quixote, das minniglich-fremde Wesen durch seine Person 
und sein Treiben selbst ins Lächerliche, ein unbewußter 
Zerstörer. 
Indem aber während der letzten Generationen der Baben— 
Vgl. oben namentlich S. 222 ff.
	        
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