Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

120 Zehntes Buch. Drittes Kapitel. 
Das waren die Aussichten, mit denen die Periode der As— 
kanier in Brandenburg abschloß. Keine Frage, daß sie im vollen 
Gegensatz standen zu dem ursprünglichen Charakter der kolonialen 
Kultur des Ostens. Grundstürzend noch einmal hatte im Ver— 
lauf der Entwickelung von zwei Jahrhunderten gewirkt, daß 
kriegerische Dienste im früheren Mittelalter nicht anders, als 
durch Landschenkungen gelohnt werden konnten. Wie die Be— 
siedelung des Ostens aus einer noch agrarischen Kultur her erfolgte, 
so trug sie in sich zunächst noch die Entwickelungskeime der 
Naturalwirtschaft, dieselben Keime, deren Entfaltung einst das 
Universalreich der Karlingen und jüngst die kaiserliche Monarchie 
der Staufer gestürzt hatte. Es war das letztemal, daß natural⸗ 
wirtschaftliche Faktoren eine junge Staatsbildung auf deutschem 
Boden herrschend beeinflußten: schon begann der handeltreibende 
und kriegerische Ordensstaat in Preußen, begannen einige fort⸗ 
geschrittene Territorien im geldwirtschaftlich emporsteigenden 
Westen neue Wege staatlicher Selbständigkeit zu suchen. 
Brandenburg aber war in seinem Verfall während der 
ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts für den Osten mit Aus— 
nahme etwa Preußens nur das größte Beispiel einer Entwicke— 
lung, die sich auch in den anderen kolonisierten Territorien ähn— 
lich vollzog: ungelenk und in sich verzehrt erwarteten diese Lande 
die weitere Verfügung über ihr Schicksal von fremder Hand 
allerorten fand die große kolonisatorische Bewegung der Staufer⸗ 
zeit ein jähes Ende. Der Nordosten von den Karpathen bis 
zur Ostsee war bereit, dienendes Glied jener gewaltigen poli⸗ 
tischen Konzeption zu werden, welche die Luxemburger von Böhmen 
aus faßten, und die in der ostmitteleuropäischen Monarchie KarlsIV. 
wenigstens zeitweise verwirklicht ward. Der Südosten aber ging 
mit Ausnahme der österreichischen Lande und allenfalls Sieben— 
bürgens in der immer selbständigeren Entwickelung magyarischer 
und slawischer Staatsformen politisch zu Grunde. 
Pierersche Hofbuchdruckerei. Stephan Geibel S Co. in Altenburg.
	        
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