30
Achtes Buch. Erstes RKapitel.
des Reiches. In beiden Richtungen siegte schließlich das Bürger—
tum; es siegte bei dem jähen Verfall des Reiches doppelt rasch
namentlich in letzterer Hinsicht. Um die Mitte des 18. Jahr—
hunderts entstand der Rheinische Bund; in ihm rissen die Städte
auf kurze Zeit thatsächlich fast alle Reichsgewalt an sich; und
es wird ein dauernder Ruhmestitel des deutschen Bürgertums
bleiben, daß es diese erste Fülle umfassender Gewalt in seinen
Händen gebrauchte, um Ruhe zu schaffen, um den Mainzer
Landfrieden des Jahres 1285, die wichtigste gesetzgeberische
Leistung der letzten Stauferzeit, den späteren Jahrhunderten
des Mittelalters zu vermitteln!. —
Noch in den Sachsensagen Widukinds höhnt ein Held seinen
Gegner: wie ein armseliges Tier in Bergesschlüften verberge
er sich hinter den Mauerschranken seiner Stadt; nicht wage er,
den freien Blick zum Himmel zu erheben. Jetzt, nur drei Jahr—
hunderte später, wohnt schon ein guter Teil der deutschen Be—
völkerung hinter den einst verspotteten Mauern; selbstbewußt
und trotzig blickt der Bürger von seinen Zinnen herab auf den
zurückgebliebenen Bauer, den Helden einer vergangenen Zeit.
Es ist ein jäher Wechsel; er bedeutet den Beginn rascheren
Fortschritts, dessen neues Zeitmaß den Zeitgenossen des
13. Jahrhunderts ebenso unheimlich erschienen sein mag, wie uns
Enkeln des 19. Jahrhunderts das immer schnellere Hasten der
wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bewegung unserer Tage.
über den allgemeinen politischen Zusammenhang dieser Verhältnisse
vird unten S. 253 ff. die Rede sein.