Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Weltanschauung. 
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Und keineswegs der naturalistische Impressionismus bloß 
bedient sich dieser Mittel der Darstellung, möge er nun die physio— 
logisch sichtbare oder die psychologisch anschaubare Welt dar— 
stellen. Auch der idealistische Impressionismus in der Stim— 
mungskunst wie in den ersten Anfängen einer objektiveren Ent— 
wicklung steht genau auf derselben Grundlage. Schon daß auch 
die Musik in diesen Kreis getreten ist, die in Anbetracht der Dar— 
stellungsmittel idealistischste aller Künste, ist da Beweises genug. 
Noch mehr aber ergiebt sich der impressionistische, und das heißt 
moderne Charakter auch unserer idealistischen Kunst aus der That— 
sache, daß die Neuerungen ja überhaupt gar nicht das Objekt der 
Kunst betreffen, sondern vielmehr deren Ausdrucksmittel: eine 
idealistische Kunst aber beruht primär auf veränderten Objekten 
der Kunstübung. Daß diese neuen Objekte, in der Gegenwart 
das immer stärker auftauchende persönliche Stimmungsmoment 
und die ersten Spuren neuer Schicksalsideen und Weltanschau— 
ungen, dann auch auf die Ausdrucksmittel einwirken und diese 
umgestalten, ist richtig. Allein das ist ein sekundäres Moment, 
und es entfaltete sich in der jüngsten Vergangenheit erst, als die 
impressionistischen Ausdrucksmittel schon entwickelt waren, hat 
also in seiner Entfaltung diese zur wenigstens zeitlich gegebenen 
Voraussetzung. 
Wenn aber so das ganze große Gebiet der Phantasie— 
thätigkeit sich von dem Duft, ja von dem Lebensodem eines 
neuen seelischen Daseins erfüllt zeigt, haben dann die übrigen 
Gebiete des Seelenlebens sich dieser neuen Atmosphäre fern— 
halten können? Schon der Umstand, daß alle seelischen Er— 
scheinungen derselben Zeit ständig zu einander im Verhältnis 
stehen, das individualpsychisch wie sozialpsychisch geltende Gesetz 
der psychischen Relationen verbietet dies. Das neue Seelen— 
leben ist zunächst auf dem ihm innerlichst verwandten Gebiete 
der Phantasie heimisch geworden, aber es dringt weiter vor 
und hat auch schon andere Gebiete weithin erobert: so vor 
allem das der sittlichen Anschauungen.
	        
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