Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Weltanschauung 
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Massive abgewandelten christlichen Ethik; und am wenigsten Ein— 
fluß hatten im Grunde die Lehren Kants und der späteren 
Metaphysiker gewonnen. Kants Imperativ wird in der Ge— 
schichte der preußischen Erhebung während der Freiheitskriege 
unvergessen bleiben; hat er sich aber später weite Kreise unter— 
worfen? Und gar die Ethik Fichtes und seiner Nachfolger 
blieb auf wenige Anhänger beschränkt. 
Es ist auch immer wieder gefühlt worden, daß eine wirk— 
lich allgemein durchschlagende Ethik gerade des Subjektivismus 
noch nicht entwickelt worden war; in tausend Andeutungen 
und Wünschen tönt dieses Gefühl vor allem in unseren Dichtern 
wider; und noch der unglückliche Conradi hatte um 1887 vor, 
in einer Romantrilogie die Entwicklung eines Menschen von 
einer extrem individualistisch-ästhetischen Weltanschauung durch 
eine sozial-ethische hindurch zu einer höheren dritten unbekannten, 
zu einer Ethik der Zukunft zu schildern. 
Und diese Unklarheit der sittlichen Lebenshaltung und 
der sittlichen Ziele fiel in eine Zeit, die, weyigstens seit den 
dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts, sich auf den weiten Ge— 
bieten der Natur- wie der Geisteswissenschaften immer mehr 
einem Verstandesleben zuwandte, die also am wenigsten im 
stande war, die bestehende Lücke auszufüllen, und die dennoch 
gegen ihr Ende hin der Thatsache inne ward, daß jede Art 
des Intellektualismus das Herz unbefriedigt lassen muß. 
Konnte nun aus dem Abschluß wenigstens dieser lang— 
andauernden wesentlich intellektualistischen Entwicklung eine 
neue Ethik starker Verbreitungsfähigkeit hervorgehen — eine 
Ethik von hinreißender Gewalt und von unaufhaltsamen Trieben 
und von Geboten, die unerbittlich sich aufdrängen? 
Die Geschichte der evolutionistischen Sittenlehre giebt auf 
diese Frage die Antwort. 
Mit dem Erscheinen von Darwins Buch über die Ent— 
stehung der Arten durch natürliche Auslese (1859) war noch 
mitten in die blühende intellektualistische Zeit, wenn auch mehr 
gegen ihr Ende zu, ein Gärungsstoff geworfen, der berufen 
schien, die sittlichen Vorstellungen aufs stärkste umzugestalten.
	        
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