Weltanschauung
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Massive abgewandelten christlichen Ethik; und am wenigsten Ein—
fluß hatten im Grunde die Lehren Kants und der späteren
Metaphysiker gewonnen. Kants Imperativ wird in der Ge—
schichte der preußischen Erhebung während der Freiheitskriege
unvergessen bleiben; hat er sich aber später weite Kreise unter—
worfen? Und gar die Ethik Fichtes und seiner Nachfolger
blieb auf wenige Anhänger beschränkt.
Es ist auch immer wieder gefühlt worden, daß eine wirk—
lich allgemein durchschlagende Ethik gerade des Subjektivismus
noch nicht entwickelt worden war; in tausend Andeutungen
und Wünschen tönt dieses Gefühl vor allem in unseren Dichtern
wider; und noch der unglückliche Conradi hatte um 1887 vor,
in einer Romantrilogie die Entwicklung eines Menschen von
einer extrem individualistisch-ästhetischen Weltanschauung durch
eine sozial-ethische hindurch zu einer höheren dritten unbekannten,
zu einer Ethik der Zukunft zu schildern.
Und diese Unklarheit der sittlichen Lebenshaltung und
der sittlichen Ziele fiel in eine Zeit, die, weyigstens seit den
dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts, sich auf den weiten Ge—
bieten der Natur- wie der Geisteswissenschaften immer mehr
einem Verstandesleben zuwandte, die also am wenigsten im
stande war, die bestehende Lücke auszufüllen, und die dennoch
gegen ihr Ende hin der Thatsache inne ward, daß jede Art
des Intellektualismus das Herz unbefriedigt lassen muß.
Konnte nun aus dem Abschluß wenigstens dieser lang—
andauernden wesentlich intellektualistischen Entwicklung eine
neue Ethik starker Verbreitungsfähigkeit hervorgehen — eine
Ethik von hinreißender Gewalt und von unaufhaltsamen Trieben
und von Geboten, die unerbittlich sich aufdrängen?
Die Geschichte der evolutionistischen Sittenlehre giebt auf
diese Frage die Antwort.
Mit dem Erscheinen von Darwins Buch über die Ent—
stehung der Arten durch natürliche Auslese (1859) war noch
mitten in die blühende intellektualistische Zeit, wenn auch mehr
gegen ihr Ende zu, ein Gärungsstoff geworfen, der berufen
schien, die sittlichen Vorstellungen aufs stärkste umzugestalten.