Städtisches Dasein und bürgerliche Gesellschaft. 228
bis auf alte Kanäle (Aduchten -aquaeductus) durch; so kamen
die Bauten der Legionen noch dem Mittelalter zugute. Anders
im Osten: hier gründete man neu auf jungfräulichem Boden,
die Frage der Kanalisation wurde sofort dringend; ihre Lösung
ward, wenn nicht anders, so wenigstens auf dem ursprüng-⸗
lichsten Wege einer besseren Pflasterung angebahnt.
Aber im allgemeinen wird man sich die Straßen des
Mittelalters überaus schmutzig denken müssen; niemand ging
ohne Überschuhe mit hölzernen Sohlen aus, auch die Heiligen
begegnen uns auf den Bildern der älteren deutschen Maler—
schulen meist in Überschuhen, und die Sitte der langen Schnabel⸗
schuhe wird nicht zum geringsten auf die Sorge zurückzuführen
sein, sich durch eine längere Sohle vor zu tiefem Einsinken in
den Schmutz der Straße zu sichern. Schon die Gewohnheit,
hei der Enge der Straßen den Rinnstein in die Mitte des
Weges zu verlegen, ward in dieser Richtung verhängnisvoll;
dazu kamen die häufigen Viehtränken, die bis ins späte Mittel—
alier üblichen Ziehbrunnen mit ihren Wasserschütten, endlich
aber und vor allem die große Unreinlichkeit der Bewohner.
Allen Kehricht, Eßüberreste, ja totes Vieh warf man auf die
Straße; es wurde darum in einigen Städten geradezu nötig,
eine offizielle Statistik der Schmutzplätze zu führen und für be—
sondere Gelegenheiten, Ankunft des Kaisers, Messe oder Pro⸗
zession, die Straßen zu reinigen, etwa wie man heutzutage die
Bäche reinigt. Fügt man hinzu, daß an den meisten Straßen
eine Anzahl unbebauter Hausplätze und wegen zu starker Zins—
belastung zerfallener Häuser zum Sammelplatz für jeden Unrat
wurde, daß die durch die Stadt geleiteten Bäche und Wasser—
fäden meist nicht ummauert oder gar eingewölbt waren, so
hegreift sich, wie nötig die Ausbildung einer sanitären Straßen⸗
polizei erschien. Allein das Mittelalter ist mit diesem Gedanken
stets auf gespanntem Fuße geblieben: auch die großen Sterben,
wie sie seit dem 14. Jahrhundert hereinbrachen, nützten bei dem
tiefen Stande der medizinischen Wissenschaft und der hierdurch
ermöglichten abergläubischen Erklärung der Pestgefahr nur
gamprecht, Deutsche Geschichte. IV. 15